Meine Kolumne aus dem TAGESSPIEGEL: Von der Route abgekommen, oder lasst uns in Jerusalem landen.

Ahmet Refii Dener erzählt uns eine Parabel türkischer Prägung. Das Flugzeug hat abgehoben. Kurz danach fallen alle Flugbegleiter durch eine Lebensmittelvergiftung aus. „Wir müssen jemanden wählen, der diese Aufgabe übernimmt,“ sagt einer. „Es sollen sich bitte Freiwillige melden!“ Einer von den Bewerbern für die Stelle des Flugbegleiters ist ein Geistlicher, der sich mit dem Koran in der Hand zur Wahl stellt. Wie Geistliche so sind, schafft er es, viele für sich zu gewinnen. Einer der Passagiere: „Das kann doch nicht angehen, dass hier die Ausbildung gar nicht gefragt ist. Ich komme aus der Dienstleistungsbranche und kann diesen Job viel besser ausführen als der Geistliche.

Die Unterstützer des Geistlichen warten den Moment ab, in dem einige Passagiere vor der Toilette Schlange stehen und andere schlafen und ziehen die Wahl durch. Der Geistliche gewinnt und hat fortan in der Kabine das Sagen.

Umgehend ernennt der Geistliche seinen Sohn zum Assistenten. Der Junge sorgt für Chaos. Viele der Passagiere regen sich über den unhaltbaren Zustand auf. Der Geistliche geht darauf nicht ein und sagt: „Ich fliege das Flugzeug nicht, sonst wären wir schon längst da.“ Einige wollen einen Piloten wählen. „Hört damit auf, so was kann nicht jeder, da gehört eine Ausbildung, ein Diplom dazu.“

Nichts zu machen. Es wird erneut abgestimmt und der Geistliche zum Piloten gewählt. Sofort geht er ins Cockpit und schickt den Flugkapitän raus. Der Co-Pilot sieht zwar, dass Gefahr im Verzug – aber nichts zu machen ist. Nun ersetzt der Geistliche den Co-Piloten durch seinen Sohn. Die Wähler des Geistlichen setzen sich in die Business-Class und teilen die Duty-Free-Waren untereinander auf. Jetzt meldet sich der Tower. „Flug 1507, Sie sind von der vorgesehen Route abgekommen, fliegen Sie eine Linkskurve!“ Die Passagiere bekommen es mit. Einige sagen: „Lasst den Mann machen, er wird es schaffen.“ Andere sagen: „Nehmt dem Mann den Steuerknüppel weg, wir werden abstürzen!“ Der Geistliche sagt: „Da sieht man es – die fremden Mächte mischen sich wieder einmal ein.“ Einige Fluggäste aber werden euphorisch und rufen: „Lasst uns in Jerusalem landen!“

Der Pilot, sorry, der Geistliche sagt zum Tower: „Ich muss die Meinung der Passagiere respektieren.“ Im Tower schmunzeln die Fluglotsen und alarmieren die Luftwaffe.

Die Wettanbieter steigen ins Geschehen ein und bieten Wetten auf die Fortsetzung der Geschichte an. Die Option, dass der Geistliche die Maschine heil landet, gibt es nicht. Der Tower selbst reagiert nicht weiter und wartet erst mal ab. Warum? „Der Geistliche ist als Pilot demokratischen Wahlen entsprungen.“ Die Hoffnung ruhe nun auf den schlafenden Passagieren.

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