Albtraum Internat

Ich teile mal einen kleinen Auszug aus meinem Buch (KALTSTART X), ein lebensbejahendes Buch. Die zwei Jahre in einem türkischen Internat hatten zur Folge, dass ich Disziplin in höchster Dosierung  verabreicht bekam. Wirkt heute noch und bildet mit meinem Charakter eine Einheit. Wenn ich mir überlege, hatte das Internat mir unbewusst die deutschen Tugenden eingeimpft. Diese möchte ich hier nicht aufzählen, denn wie üblich wird dann nur darüber diskutiert und das Eigentliche geht unter. Legen wir los und wer sich dann entschließt das Buch zu kaufen, kann ganz unten weitermachen. Vielen Dank. ARD

Heute bin ich 62 Jahre jung geworden.

Albtraum Internat

1964 waren wir wieder in Deutschland. Ich ging in den Kindergarten und danach in die Anna-Grundschule in Aachen. Warum ich mich noch so gut daran erinnere, ist die Tatsache, dass meine Eltern nach einigen Monaten in die Schule bestellt wurden. Man wollte mich in die zweite Klasse versetzen. Die Eltern waren natürlich voller Stolz, wie man sich unschwer vorstellen kann. Mit sechs Jahren kam ich also schon in die zweite Klasse. Als meine Eltern dann einige Wochen später wieder in die Schule bestellt wurden, wollte man schon über einen Transfer in die dritte Klasse reden, den meine Eltern jedoch ablehnten. Ich war immer noch sechs.

Mein Vater sagte, dass wir nach dem Schuljahr wieder in die Türkei zurückkehren würden und das wahrscheinlich nicht gut für mich wäre. Die Ankunft in der Türkei brachte schon die ersten spürbaren Probleme mit sich. Mein Türkisch war zwar nicht schlecht, aber doch nicht gut genug, um dem Unterricht zu folgen. Die Grundschule Erenköy Ilkokulu wollte mich erst nach einem Test in die dritte Klasse aufnehmen. Dem ging die Verdächtigung voran, dass mit meinem Zeugnis etwas nicht stimmen durfte. Wie konnte ein Siebenjähriger schon die zweite Klasse abgeschlossen haben, wo doch in der Türkei für Siebenjährige erst die Grundschule anfängt? Sicher dachten meine Eltern, „wie gut, dass wir ihn nicht in die dritte Klasse haben versetzen lassen.“ Dann hätte ich ja mit sieben Jahren schon in die vierte Klasse gemusst.

Nach langer Laufarbeit für meinen Vater, ich denke, das war das erste und letzte Mal, dass er sich für mich bewegt hat, stellte sich heraus, dass mein Zeugnis echt war. Heute frage ich mich, was der ganze Aufruhr sollte, wo man doch scheinbar mit einem ausgedachten Diplom Präsident werden kann?

Es war ein Dienstag, an dem festgestellt werden sollte, ob ich reif genug war für die dritte Klasse. Ich erinnere mich an den Tag, als wäre es gestern gewesen. Zuerst wurde ich in Mathematik getestet. Der erste Schock! Die Rechenaufgaben schrieb man untereinander und nicht wie in Deutschland nebeneinander. Ich habe es nicht verstanden und konnte die Aufgabe nicht lösen. Sozialkunde und Türkisch waren die nächsten Prüfungsfächer. Beide Male habe ich die Fragen nicht verstanden und konnte keine Antwort geben. „Du kannst rausgehen!“, sagte man mir und mein Vater wurde reingerufen. Als er herauskam, war er hellauf begeistert. „Gratuliere, mein Sohn, ich bin stolz auf dich!“ Auch in meinem jungen Alter merkte ich, dass da irgendetwas nicht stimmen konnte. Nichts gesagt und bestanden? Ich dachte mir, dass die Türkei ein tolles Land für Schüler sein musste. Man konnte Prüfungen bestehen, ohne zu antworten. Zuhause gingen die Feierlichkeiten weiter. Meine Mutter war gerührt. Umarmungen, Küsse, Betätscheln durch die Tanten. I was the hero! Nichts gesagt und bestanden. Ich musste echt ein toller Typ sein. Später, mit den Jahren, als ich die gleichen Wege zu gehen begann wie mein Vater, lernte ich, dass man eine kleine Spende leisten muss, damit das Schweigen in eine richtige Antwort umgewandelt wird.

Ich war in der Türkei angekommen. Aber nach dem Schuljahr zogen wir von der anatolischen auf die europäische Seite von Istanbul. Wieder neue Klassenkameraden, wieder neue Lehrer. Ich musste sogar Türkischunterricht nehmen. Ich ging drei oder vier Mal hin, bis man einsah, dass es keinen Sinn hatte, mich zu Höchstleistungen zu trimmen.

Wie durch ein Wunder lebten wir drei Jahre lang in einer Stadt. Mit der Beendigung der fünften Klasse hatte ich die Grundschule hinter mich gebracht. Das nächste Problem stand bevor. Wer in der Türkei etwas auf sich hält, schickt sein Kind in eine Privatschule. Damals und neuerdings auch heute wieder hatten die Schulen ihre eigenen Aufnahmeprüfungen. Ich nahm an circa zwölf teil. Eine davon bestand ich auch: ausgerechnet an der Eliteschule Isik Lisesi im Stadtteil Nisantasi. Zwischen Etiler, wo wir wohnten und das Anfang der 70er Jahre niemand in Istanbul kannte, und der Schule waren es 5,8 Kilometer (laut Google-Maps). Dieser Weg stellte für meine Eltern ein großes Problem dar. „Wie soll der kleine Ahmet jeden Tag zur Schule fahren?“ Also entschieden sie sich für das Internatsangebot der Schule. Die Schuljahre waren für mich schon immer eine Qual, aber diese zwei Jahre im Internat, die hatten es in sich. Während mein Kopf zu verstehen versuchte, wie man bei einer Entfernung von nicht mal 6 Kilometern zwischen der Wohnung und der Schule ins Internat gehen konnte, sollte es noch schlimmer kommen.

In dem Jahr als das Foto entstand, ging es los mit dem Internat.

Als ich die sechste Klasse noch nicht beendet hatte, zogen wir in eine Wohnung, die nur noch circa dreihundert Meter von der Schule entfernt war. Meine Freude kannte keine Grenzen. Welche Zauberworte der Direktor der Schule meinem Vater gesagt hatte, nahm mein Vater leider mit ins Grab, aber anschließend war mein Vater überzeugt davon, dass das Internat für meinen Bildungsweg genau das Richtige sei. Welch eine absurde Situation, bei dieser kurzen Entfernung aufs Internat zu gehen und jede Nacht von der Familie getrennt einschlafen zu müssen. Dabei war ich nicht einmal schwer erziehbar, sodass vielleicht die Notwendigkeit bestanden hätte, mich aufs Internet zu schicken. „In der Ruhe liegt die Kraft“, war damals schon meine Maxime. Statt mich also zu beschweren, schwieg ich und litt im Stillen. Wie unglücklich ich war, konnte man mir wohl trotzdem ansehen, da mein Vater sich abermals zur Schule aufmachte, um aus mir einen Tagesschüler zu machen, damit ich die Abende und Nächte nicht in der Schule verbringen musste. Es war mir schleierhaft, was der Direktor ihm gesagt haben konnte, dass ich dennoch ein Internatsschüler blieb.

Meine wöchentliche Routine begann montags um 7:30 Uhr mit der Ankunft in der Schule. Die Nationalhymne nach durchschnittlich vier Malen einmal richtig singen, Kontrolle der Haare und Fingernägel sowie des Schulanzugs. Hatte man den Grauton der Hose nicht getroffen, hieß es: „Das ist aber keine Hose von Atalar“ (so hieß der Laden, der die Schulkleidung verkaufte). „Ruf deine Mutter an, sie soll innerhalb der nächsten zwei Stunden eine neue Hose vorbeibringen.“ Die Stahltore gingen zu. Draußen war draußen und wir waren drinnen. Wie sollte ich mich auf den Unterricht konzentrieren, wenn meine Familie doch nur 300 Meter entfernt wohnte und ich im Internat gefangen war? Ich konnte unsere Wohnung und meine Mutter förmlich riechen. Oft hatte ich feuchte Augen. Erschwerend kam hinzu, dass mein Bruder Memo 100 Meter rechts von mir als Tagesschüler in die Schule ging. Zu meiner linken, in circa 200 Meter Entfernung, war die Nisantasi Kiz Lisesi. Diese Schule besuchte die Pflegetochter meiner Eltern. Sie und mein Bruder kamen jeden Nachmittag vorbei und fragten von der richtigen Seite der Gitter, ob ich was von draußen wollte.

Am bittersten war der Moment, wenn die Tagesschüler nach Hause gingen und wir, die Internatsschüler, zurückblieben. Ich musste mich selbst therapieren. Ich redete mir ein, dass es andere gäbe, die es noch schlimmer hätten. Die gab es auf der Schule tatsächlich. Sie kamen von so weit aus Anatolien, dass sie entweder nur zu den Semesterferien im Februar oder zu den Sommerferien im Juni nach Hause durften. Grausam! Wie oft ich in einer stillen Ecke mit meinen Tränen kämpfte, kann ich gar nicht sagen. Ich war in diesem Zustand zwar nicht allein, aber das war kein Trost. Die Schule war modern und das Schulsystem hart. Nachdem die Tagesschüler weggegangen waren, mussten wir nach einer Stunde Pause wieder in die Klassen. Wenn wir doch wenigstens in dieser Phase bequeme Kleidung hätten tragen können, aber nein, es musste die Schuluniform sein. Die Vorstellung war krass: Während mein Bruder womöglich im Pyjama herumlief, trug ich bis nach 21 Uhr meine Schuluniform. Die Krawatte durfte nicht einmal gelockert werden. Hausaufgaben machen war angesagt. Bis 19 Uhr, bis wir zu Abend aßen. Wir wurden von Studenten der unweiten Technischen Universität Istanbul beim Hausaufgaben machen beaufsichtigt. Die hatten es gut! Ihren Tagesfrust ließen sie an uns ab. Da wir nicht miteinander reden durften, bestraften sie uns mit Faustschlägen auf den Kopf. Wir trauten uns nicht, diese Vorfälle zu melden.

Jeden Morgen um 4:45 Uhr mussten wir aufstehen, es folgte die Morgentoilette, Anziehen und um 6 Uhr wieder in die Klassen – Hausaufgaben machen! Um 7:30 Uhr konnten wir dann in den Frühstücksraum gehen. Die Tagesschüler kamen glücklich an und der Unterricht begann. Die zwei Jahre in der Schule waren voller Anekdoten und Bekanntschaften, zumal richtig bekannte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens der Türkei ihre Kinder hier auf die Schule schickten.

Am 6. Oktober 1970 wurde, als ich gerade in der siebten Klasse war, mein Bruder Ömer geboren. Mein Vater kam in die Schule, um mich abzuholen. Der Krankenhausbesuch stand auf dem Programm. Auch das wurde zu einer Herausforderung. Wie sollte die Schule mich gehen lassen, während andere Unterricht hatten? Es klappte dann endlich, bevor mein Bruder eine Woche alt wurde.

Im Krankenhaus sagte meine Mutter: „Schau, dein Bruder, sieht er nicht toll aus?“ Na ja, irgendwie sah er gar nicht so toll aus. Obwohl er nach neun Monaten auf die Welt kam, hat er nur 1690 Gramm gewogen. Wie soll einer toll aussehen, auf so wenig Fläche? Eine Handvoll war er gerade mal. „Machen Sie sich keine Sorgen, er wird in drei Monaten alles aufgeholt haben, er ist kerngesund“, sagte der Kinderarzt. Tatsächlich hatte er in drei Monaten alles aufgeholt und wiegt heute mehr als ich. Ein Wonneproppen von über hundert Kilo. Auch wenn man in der Türkei von Geburt an bis ins hohe Alter ständig zunimmt (dank der Teigwaren), so war das zu meiner Schulzeit im Internat ganz anders. Egal wie sauber die Toiletten in der Schule waren, ich ekelte mich. Deshalb versuchte ich, wenig zu essen und hoffte, dass ich selten auf die Toilette musste. Die Folge war, dass ich an den Samstagen Spritzen bekam, die der Arzt mir verordnet hatte, um mich aufzupäppeln. Die Hoffnungen meinerseits, dass ich in der Schule des Dopings überführt und vom Internat gefeuert wurde, haben sich leider nicht erfüllt.

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