Genugtuung über die Reisewarnung der Bundesregierung für die Türkei?*

Sie kamen, stießen auf Granit und traten unverrichteter Dinge den Heimflug an. Hätte es per Video-Konferenz sicher günstiger gegeben. So und nicht anders, kann man die Reise des türkischen Außen- und Tourismusministers in aller Kürze zusammenfassen. So in etwa tat ich das auch und unterstrich, dass endlich mal die Bundesregierung, aus der Position der Stärke heraus, nicht kippte und hart blieb. Wenn ich, ein Türkischstämmiger, das so schreibe, kann das durchaus so verstanden werden, dass ich Genugtuung empfinde, zumal ich ja noch dabei die Menschenrechtsverletzungen in der Türkei erwähnte, wovon ich nicht ablassen kann.

Weit verfehlt!

Die Chancen, dass Deutschland, mit der EU im Rücken und umgekehrt, sich hätten durchaus anders entscheiden konnten, stand bei null. Ich gehe mal davon aus, dass die Entscheidung eher politischer Natur ist. Da ich diese Entscheidung als ‚politisch‘ hinstelle, brachte ich die Menschenrechte ins Spiel. Schließlich sitzen die vielen Andersdenkenden der Türkei ebenfalls aus ‚politischen‘ Gründen im Gefängnis.

Immer wieder regte ich mich auf, wenn die EU und Deutschland die letzten Jahre nachgaben, wenn er sie erpresste. Klar, sofort weht mir ein rauer Wind entgegen und es heißt: „Soll die Türkei alleine mit den Flüchtlingen im Land fertig werden?“ So gesehen mag ich fast Recht geben, nur auf der anderen Seite, hat die Türkei mit dafür gesorgt, dass diese Menschen in Scharen in die Türkei kamen. Auch der Einmarsch in Syrien, brachte einen Nachschlag an Flüchtlingen. Kommen wir zum Tourismus und den Menschen, die in absoluter Abhängigkeit vom Tourismus existieren müssen, aber derzeit nicht können.

2017 Alanya – Aus der Zeit als ich noch dort leben durfte.

Klar tun sie mir leid.

Lange habe ich in Alanya meinen Lebensmittelpunkt gehabt. Den Einheimischen, den meisten, geht es gut, sie haben Grund und Boden, oder Hotels, die ihnen nicht wehtun, wenn sie nicht in Betrieb sind. Die Schmerzen sind deshalb gering, weil die Belegschaft nicht da ist. Sie sind alle in die Arbeitslosigkeit geschickt worden, aber nicht erst seit Corona, sondern viel früher, denn die meisten wurden durch die syrischen Flüchtlinge ersetzt, die viel günstiger waren. Überhaupt ist es ziemlich hart, im Tourismus beschäftigt zu sein.

Gerade mal 3-4 Monate Saison und in der Zeit müssen die Beschäftigten so viel verdient haben, dass sie damit mit ihren Familien zusammen, 12 Monate über die Runden kommen. Hartes Brot, zumal auch in guten Jahren, oder etwas besseren Jahren, kommt es oft vor, dass sie kein Gehalt bekommen. Wer  von den Hoteliers auf immer günstig, immer billig setzt, kann auch nicht so gut erwirtschaften, dass die Gehälter pünktlich bzw. überhaupt bezahlt werden. Seitdem es „Alles inklusive“ gibt, wird im türkischen Tourismus miserabel verdient. Der Tourist hat Pro-Kopf 2005 mehr Geld dagelassen als es z. B. 2019 der Fall war. Könnt Ihr Euch vorstellen, wie sich alles in diesen 15 Jahren verteuerte, besonders in der Türkei, wo die türkische Lira immer weiter an Wert verloren hat? Also muss der Hotelier sparen. Woran? An den Löhnen, an den Zutaten für Speisen, an den Getränken, praktisch an allem.

Für die Beschäftigten der Tourismusindustrie sieht es brutal schlecht aus.

Wie bereits besagt, nicht erst seit Corona. In den letzten Jahren hatte man schon oft Ausfälle von Touristen. Einmal wurde ein russischer Jet abgeschossen, beim anderen  Mal gingen Terrorbomben hoch und überhaupt, das Verhältnis zu den Nachbarstaaten, aber auch zu den sonstigen, ist nicht gerade berauschend, seit Erdogan. Hoffen kann man nicht, dass die Länder der Türkei mit Goodwill der begegnen.

Wie wütend sind die Arbeitslosen der Branche?

Nicht nur in der Tourismusbranche, überhaupt in der ganzen Türkei werden und würden die, die Erdogan gewählt haben, wieder ihn wählen. Sagen wir besser, ein Großteil dieser, würden das tun. Stockholm-Syndrom, oder wie man das nennen möchte, so ist die Situation.

(*) Lieber Erdogan Anhänger, ich hoffe, dass das Fragezeichen hinter der Überschrift gesehen wurde und die Aufregung deinerseits völlig unnötig war. 

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