Den Bogen zu weit gespannt?

Über zwei Monate schaute ich täglich mehrmals auf den USD Umtauschkurs zur türkischen Lira, wunderte mich, nahm mein Notebook in die Hand und schüttelte es. Half nichts, es bewegte sich nichts. Hatte sich der Wechselkurs mit 6,85 TL etwa in den Monitor eingebrannt? Auch nicht! Irgendwer hatte so viel Geld zum Verbrennen übrig, dass er mit aller Gewalt versuchte den USD Kurs in der Türkei stabil zu halten.

Jetzt ist es passiert, denn der Bogen wurde so weit überspannt, dass jetzt die Devisenumtauschkurse nach oben schießen. Ein Ende ist nicht in Sicht, zumal in diesem Jahr alleine 60 Milliarden EUR an Zinsen ins Ausland zu überweisen sind, ohne Tilgung. In der Kasse ist nichts mehr, schon ewig lange nicht. Als damals Griechenland für Bankrott erklärt wurde, stand der Staat nicht schlimmer da, als die Türkei momentan. Die Türkei hat die lange Durchhaltephase, lediglich der größeren und breiter aufgestellten Industrie zu verdanken.

Die Devisenquellen sind versiebt.

Die Tourismuseinnahmen sind fast gänzlich ausgefallen. ¼ der Exporte sind durch Corona und der schon vorher bestehenden Krise, geschrumpft. Die Exporte schleppen sich dahin und im Verhältnis halten sich die Importe wacker, was ein zusätzliches Negativum bedeutet. Last but not least, die ausländischen Investoren verkaufen ihre Papiere und nehmen die Dollars mit.

Summa summarum alles Ereignisse, die schon seit Monaten und einigen Jahren Bestand haben. Und dabei soll der USD Kurs 2,5 Monate stabil geblieben sein? Wenn doch der Kurs leicht gestiegen, oder gefallen wäre, nein, es war exakt die Menge an Dollars auf dem Markt, als ob man genau das vorausgesehen hätte.

Dieser stabile Kurs wird die Türkei gekostet haben. Multimilliarden an USD, die man sich irgendwoher geliehen hat. Jetzt, wo die Bremsbelege ausgeleiert sind und die Devisen nach oben schießen, kann man es als verbranntes Geld bezeichnen.

Die harte Realität ist:

Die Türkei muss jetzt irgendwoher neue Devisen herbeischaffen. Nicht um die Kurse stabil zu halten, sondern zu überleben. Nur, woher nehmen, wo man doch mit all den Gebern auf Kriegsfuß steht.

Jetzt werden die Devisenkurse die Preise hochtreiben, die Zinsen werden wieder anziehen und das Schlimmste ist, der Herbst und der Winter stehen bevor. Wenn dann noch eine zweite Corona-Welle kommt, ein kalter Winter und eine  weiter schrumpfende Wirtschaft, dann Gute Nacht!

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