Ein Abschiedsbrief, oder eher eine Abrechnung mit M. Zuckerberg

Kennt ihr den Mann, der ganz am Ende des Spielfilms «Zero Dark Thirty» gewaltsam ums Leben kommt? Ja, genau… Ich meine jenen Mann, den es auch im realen Leben gab und der am 2. Mai 2011 im pakistanischen Abbottabad auf Befehl des damaligen amerikanischen Präsidenten Barack Obama erschossen wurde.

Jedenfalls erfuhr ich am vergangenen Montag, dass dieser Mann, auf dessen Namensnennung ich verzichten möchte, im Jahr 1976 als 19-jähriger mit einer Pistole bewaffnet in die Türkei gereist ist, um dort den Gründer Millî Görüş Bewegung und den Vater des türkischen Islamismus, Necmettin Erbakan, zu besuchen. Dies kann aus eigenen schriftlichen Aufzeichnungen des Mannes, dessen Name hier nicht genannt werden soll, entnommen werden, welche von den Navy Seals im Jahr 2011 erbeutet und einige Teile davon im Jahr 2017 veröffentlicht wurden. Aus den tagebuchartigen handschriftlichen Notizen des getöteten Mannes geht hervor, dass der Islamist, Verschwörungstheoretiker und Antisemit Erbakan, der übrigens auch der politische Ziehvater des heute amtierenden türkischen Präsidenten war, eine frühe Inspiration für ihn gewesen sei, der ihn auf seinem Weg beeinflusst habe.

Ich kannte diese Verbindungen nicht, weil praktisch kein herkömmliches Medium darüber berichtet hatte. Ich fand lediglich Angaben auf einer englischsprachigen Seite, die ich nicht kannte, eine Erwähnung im SPIEGEL, der dazu angab, dass diese Informationen «Trump nützen» würden und einen Artikel auf dem linksliberalen türkischen Webportal odatv.

Hier ist der Artikel in türkischer Sprache: Quelle

Ich beschloss daraufhin, diese interessante Information über meine private Facebook-Wall zu verbreiten und postete zu einem in jeder Hinsicht harmlosen Text ein Foto des getöteten Mannes, das ich auf Wikipedia fand, sowie ein Bild des türkischen Islamisten Erbakan.

Es vergingen lediglich einige wenige Sekunden und ich wurde auf Facebook für die Dauer einer Woche gesperrt. Das Ganze ging derart schnell, weshalb ich nicht davon ausgehe, dass jemand meinen Post gemeldet hat. Es war ganz offensichtlich ein Automatismus auf Facebook, der diese Sperre veranlasst hatte. Irgendwelche Voreinstellungen von irgendwelchen Leuten, die wohl mit den Bildern zusammenhingen, die ich verwendet hatte, waren damit ursächlich dafür, dass ich für die Dauer einer Woche nichts mehr posten konnte.

Bei einem meiner letzten Besuche in Zürich. Zuerst ein Kaffee, dann aber, als das Gespräch sich hinzog, noch ein Bier. Das geht, erstaunlicherweise.

Meine erste Reaktion war natürlich, dass ich mich furchtbar über diese Sperre und Demütigung ärgerte. Dies geschah übrigens nicht zum ersten Mal. Vor knapp zwei Monaten war ich bereits für ein Zitat eines anderen Mannes gesperrt worden, dessen Namen ich hier ebenfalls nicht nennen möchte. Für die ganz Neugierigen: Es war der Mann, der «Das Kapital» verfasst und der in einem Zeitungsartikel in der «Rheinischen Post» im Jahr 1848 für den Erfolg der «sozialistischen Revolution» die genozidale Vernichtung von Basken, Bretonen und schottischen Highlander verlangt und die er in seiner Kampfschrift als «primitive Völkerabfälle» bezeichnet hatte.

Diese zweite Sperre auf Facebook veranlasste mich, meine Tätigkeit als «Social-Media-Aktivist» ganz grundsätzlich in Frage zu stellen. Die Fragen, die ich mir stellte, waren etwa «Wieso tue ich das eigentlich?», «Welchen persönlichen Nutzen ziehe ich aus dieser Tätigkeit?», «Bin ich in der Lage, mit meinen Aktivitäten gesellschaftspolitische Änderungen herbeizuführen?» und natürlich auch «Würde ein deutscher Linker nach Kenntnisnahme dieser Information über Millî Görüş damit aufhören, mit dieser Organisation zu sympathisieren?». Noch wesentlicher waren aber die folgenden Fragestellungen: «Weshalb richte ich meine politischen Botschaften in erster Linie an ein deutsches Publikum, obwohl ich kein Deutscher bin und nicht einmal im Traum daran denken würde, jemals in Deutschland Wohnsitz zu nehmen?» und «Weshalb sollte ich für eine Tätigkeit eine derartige Demütigung erfahren, für die ich keinen Cent bekomme?».

Nachdem ich diese Fragen und einige weitere für mich beantwortet hatte, habe ich beschlossen, mich auf Facebook nicht mehr politisch zu äußern und meine Tätigkeit in den sozialen Medien zu entpolitisieren. Konsequenterweise löschte ich auch meinen privaten Blog, der seit letzter Woche nicht mehr abrufbar ist, weil ich meine Texte insbesondere hier auf Facebook verbreitet hatte. Von nun an werde ich auf Facebook nur noch Dinge posten, die apolitisch sind und für die ich mich ebenfalls interessiere. Dazu gehören natürlich Original-Jazzplatten der Zwanziger und Dreißiger Jahre, deren Sound ich mit viel Liebe restauriere, Themen aus dem Bereich der Archäologie, Geschichte, Malerei und der Fotografie und natürlich sehr viele Tierfotos.

Selbst im unwahrscheinlichsten Fall, dass sich Mark Zuckerberg bei mir persönlich entschuldigen sollte, werde ich meine selbst zugewiesene «Aufklärungsarbeit» in den sozialen Medien nicht mehr fortsetzen und ohne angemessene Bezahlung werde ich grundsätzlich auch keine Artikel mehr verfassen, schon gar nicht über Deutschland, weil dieses Land mit meinem realen Leben praktisch nichts zu tun hat und dessen politische Meinungsbildungsprozesse mich damit grundsätzlich nichts angehen, schon gar nicht, wenn es um lokalpolitische Persönlichkeiten geht. Diese Blase, die einerseits auf die virulenten Probleme in diesem Land zurückgehen und andererseits aber ganz klar auch von mir selbst erzeugt wurde, werde ich damit platzen lassen. Was geht mich eigentlich Deutschland und dessen Politik etwas an, ein Land, das mich nicht einmal touristisch gross interessiert, jedenfalls weitaus weniger als Frankreich, Italien oder Großbritannien? Dasselbe gilt übrigens auch für die Türkei, deren Staatsbürgerschaft ich vor mehr als einem viertel Jahrhundert aufgegeben und die ich seit über zehn Jahren nicht mehr besucht habe. Jener türkische Staat, zu dem ich noch einen Bezug habe, gehört längst der Vergangenheit an.

Die Veränderung meiner Facebook-Aktivitäten bedeutet freilich nicht, dass ich mich zu den hier besprochenen Themen nie wieder äußern werde. Allerdings schließe ich aus, dass ich so etwas unentgeltlich (es sei denn, es würde sich um eine Organisation handeln, zu der ich Sympathien und freundschaftliche Beziehungen pflege) und auf einem Medium wie Facebook machen werde. Facebook hat mir letzte Woche den unumstößlichen Beweis geliefert, dass die sozialen Medien für solche Zwecke ungeeignet sind. Meines Erachtens ist das Vorgefallene wesentlich schwerwiegender als gewöhnliche Zensur, weil hinter einer solchen immerhin noch Menschen stehen, die unter Anwendung von Willkür dafür sorgen, dass bestimmte Ideen und politischen Inhalte nicht weiterverbreitet werden. Hier war es ein Computer, das natürlich von Menschen geschaffen und programmiert worden war, aber es war ohne Wenn und Aber eine Maschine, welche die Kontrolle über politische Meinungsäußerungen übernommen hatte. Ich werde diese Machtanmaßung und derartige Mechanismen, die stark an Orwells «1984», Huxleys «Brave New World» und sogar – so lustig es auch klingen mag – an den «Terminator» erinnern, jedenfalls nicht akzeptieren und ziehe daher meine Konsequenzen.

Dass meine Entscheidung völlig richtig ist, wurde übrigens bereits letzte Woche eindrücklich bestätigt, als ich erfuhr, dass das deutsche Auswärtige Amt, das vom Sozialisten Heiko Maas geführt wird, beschlossen hat, eine Islamistin mit Verbindungen zur grössten rechtsextremen Organisation in Deutschland, namentlich zu den «Grauen Wölfen», als Beraterin anzustellen. Wer denkt, dass dies einfach bloß ein weiterer Fehlentscheid eines ahnungslosen oder gar geistig eingeschränkten Sozialisten sei, irrt sich. Ein solcher Entscheid ist wohl kalkuliert und nur die logische Folge der Politik der politischen Linken in Deutschland, die sich mit Islamisten unterschiedlichster Couleur solidarisieren, Kinderkopftuch- und Vollverschleierungsverbote bekämpfen, den Muezzin-Geschrei als eine Bereicherung empfinden, keinerlei Berührungsängste zu Organisationen wie Millî Görüş haben (auch nicht wenn sie über die oben erwähnten Zusammenhänge Bescheid wüssten) oder islamistische Regimes wie jenes im Iran, wo Menschen gefoltert, willkürlich eingesperrt oder hingerichtet werden, als politische Verbündete wahrnehmen. Es ist allerdings die Sache der deutschen Bevölkerung, politisch auf solche Sachverhalte zu reagieren. Mit Schweizer Verhältnissen haben solche Sachverhalte eher wenig zu tun, zumal die politischen Linken in meinem Land zu meiner großen Beruhigung und Erleichterung eine politische Minderheit bilden, die ihre schädliche proislamistische Politik höchstens auf kommunaler und eingeschränkt auch auf kantonaler Ebene betreiben können.

Meine Entscheidung hat natürlich auch Folgen, was meine Aktivitäten in der Gruppe “Before Sharia Spoiled Everything” betrifft, dich ich gegründet habe.  Ich werde mich in der Gruppe nicht mehr politisch äußern und folgerichtig meine Admin-Funktion aufgeben. Ich habe mich zuvor mit meinen Co-Admins abgesprochen, die den Wunsch geäußert haben, die Facebook-Gruppe weiterzuführen. Ich selbst werde damit keine Admin-Funktionen mehr wahrnehmen, was natürlich nicht heißt, dass ich die Gruppe verlassen oder auf die Verwendung und allfällige kommerzielle Nutzung des Namens verzichten werde. Die Einstellung meiner Aktivitäten beschränkt sich damit in erster Linie auf Facebook, einem Medium, das sich für politische Diskurse nicht eignet und welches langfristig betrachtet unseren Demokratien auch schadet.

Von Emrah Erken, Rechtsanwalt, Zürich

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