“Wo kommst du eigentlich her?”

Da ich oft (na ja, fast immer) mit Ironie und Schmunzeln unterwegs bin und die Leserschaft, die mich nicht so gut kennt, sich fragt; „Wie hat er das jetzt gemeint?“, sehe ich mich genötigt klarzustellen, dass ich das, was ich jetzt sage, nicht ironisch meine. Schmunzeln tue ich dennoch.

Ich liebe es, wenn mich die Menschen fragen: „Wo stammst du eigentlich her?“ Dahinter vermute ich nicht einen Gramm Rassismus, denn ich gehe als positiv denkender Mensch davon aus, dass mein Gegenüber neugierig ist. Selbst wenn wir annehmen, dass er das nicht ist, was soll’s, dann bekommt er meine Geschichte zu hören, denn ich habe viel zu erzählen und warte geradezu darauf, dass mich mein Gegenüber etwas fragt. Hat er keine Frage parat, reicht u.U. auch ein „Hallo!“ Darauf setze ich dann ein: „Hallo, wie geht es?“ Es sind zwar die Höflichkeitsfloskeln, die danach hin und her fliegen, aber ich weiß ganz genau, wo ich zum Erzählen ansetzen muss und das, was ich loswerden möchte, unterbringen kann.

Oftmals muss ich nicht soweit gehen, denn selten bin ich so in Höchstform, dass ich die deutsche Sprache ohne Fehler spreche. Wenn doch, dann hört man zumindest den rheinischen Akzent raus. „Sie sind aus dem Rheinland!“ heißt es dann. Auch witzig. „Ja, stimmt, aus Köln, die ewige Heimat.“ antworte ich. Rede ich überlegt und hochkonzentriert, ersparen wir uns zwangsläufig die zweite Frage:

„Wo kommen Sie eigentlich her?“

Eigentlich ist dieser Satz in den Ohren von Türken, die in Istanbul geboren wurden, ein Klassiker. Viele Türken, besonders in den 60er, 70er und noch in den 80ern wurden überall in der Türkei oder in Deutschland geboren, aber nicht in Istanbul. Doch, da auch, aber das passte jetzt gerade so gut. In Istanbul ist man, dort lebt man, oder man ist dorthin ausgewandert, aber geboren wird man woanders. So dachte man und teilweise denkt man das heute noch. Deshalb ist die Reaktion auf den Satz: „Ich bin aus Istanbul“ zwangsläufig: „Wo kommst du eigentlich her?“ Wie gut, dass die Menschen aus Anatolien nicht draufkommen, dass in der Frage etwas Klassifizierendes steckt. Die Stadttürken aus den Metropolen haben zumeist ein Kastendenken. Der Grundgedanke ist: „Menschen aus Anatolien, und zu denen werden auch die Deutschtürken gezählt, sind zumindest anders und nicht zu uns zu zählen.“, denkt deren innere Schweinehund. So gesehen rangieren die Deutschtürken sogar noch unter den einheimischen Anatoliern. „Schau dir an, eigentlich kommen sie aus Anatolien, haben in Deutschland Geld verdient und gespart, jetzt denken sie, sie wären etwas Besseres.“
Diesen Gedankenansatz kannst du einem, der ständig in der Türkei gelebt hat, niemals herausprügeln, irgendwann sprudelt diese abwertende Haltung aus ihm raus.

Warum beleidigt sein?!

Ich bin niemals beleidigt, egal wie mir die Leute begegnen, denn ich kann über den Dingen stehen. Hat das jetzt zu überheblich geklungen? Wir leben in schwierigen Zeiten. Sagst du einem: „Bei den Pferden mag ich die Schimmel.“ Schon heißt es: „Meinst du die dunkleren Pferde sind nicht gut genug?“

Eigentlich müssen wir alle schweigen, oder derjenige, der das Gespräch anfängt, liest seinem Gegenüber seine Rechte und redet erst danach:

„Sie haben das Recht zu schweigen. Alles was Sie sagen, kann und wird vor Gericht gegen Sie verwendet werden. Sie haben das Recht, zu jeder Vernehmung einen Verteidiger hinzuzuziehen.“

So kennen wir den Hinweis aus ungezählten amerikanischen Filmen. Derzeit haben wir alle so etwas nötig. Möchtest du dich vor dem Shitstorm schützen, was auf dich herabfallen kann, musst du dich vorher absichern, oder noch besser, schweigen.

Verzögertes Reden

Meine gedankliche Tonspur läuft mittlerweile zwei Sekunden vor, damit ich mit dem restlichen Hirn bewerten kann, bevor es aus den Lippen rausposaunt ist, ob die Aussage unnötige Diskussionen auslösen könnte. So rede ich wie ein alter Herr mit Bedacht, oder mache, wenn es hart kommt, auf Demenz.

Ich habe viele Fehler, ich weiß. Eines davon sind die Verallgemeinerungen. Das passiert bei mir nicht bewusst. Ich mache z.B. den schwerwiegenden Fehler und baue einen Satz wie: „Die Türken sind nicht selbstbewusst genug und sind deshalb schnell beleidigt, so beleidigt, dass es am Ende Tote und Verletzte geben kann.“ Da haben wir den Salat. Ein unbedachter Satzaufbau. Ein Angriff auf das Türkentum, so wird es verstanden, die man gefälligst zu unterlassen hat. Den Fehler sehe ich ein und spüre es auch vor allem, zumal es mir als ein Shitstorm entgegen bläst. Es melden sich diejenigen zu Wort, die tatsächlich selbstbewusst sind, und denen ich Unrecht getan habe, und diejenigen, die ich in dem Satz treffend erfasst hatte, aber die der Meinung sind, dass sie zu der anderen Gruppe gehören. „Wo ist das Problem, dann gehörst du zu der anderen Gruppe, freu dich und gehe erhobenen Hauptes durchs Leben. Respektiere alle Menschen so wie sie sind, dann wirst du auch respektiert!“ Oder etwa nicht?

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