Ab in die Türkei, aber …”Sie reden von Tango, Mango, Schulabschlüssen, Marken […]

Damals vor drei Jahre, sagte meine Freundin Sunay aus Frankfurt: “Genug mit Deutschland und der Schufterei, jetzt wird gelebt.” Ab ging es für sie dahin, wo ihre Gene herkamen, nämlich in die Türkei. Heute lebt sie abwechselnd in Istanbul und Bodrum. Hin und wieder besucht sie auch die Familie, sprich die schon erwachsenen Töchter. Also fliegt sie abwechselnd nach Berlin und Frankfurt. Die meiste Zeit ihres Leben verlebte sie in Frankfurt. Hier hat sie studiert und Karriere gemacht. Ich sah im Facebook, dass sie wieder mal am Meutern war. Abermals passte ihr irgendetwas nicht und als ich las, was das war, konnte ich ihr nur beipflichten, denn sie hatte in allem Belangen recht.

Ich gebe das, was sie in Türkisch schrieb, in sinngemäßer Übersetzung wieder.

Sunay: “Mir wird ganz anders von diesen Menschen (sie meint in der Türkei). Der eine gibt damit an, dass er das Elite-Gymnasium Galatasaray absolviert hat, der andere rühmt sich damit, dass er dieses und jenes College abgeschlossen hat, eine andere wiederum erzählt, wie sie im Ausland studierte, ihren Master da und dort machte […]. Nun gut, das ertrage ich noch, aber wenn die loslegen und abwertend über die in Deutschland lebenden Türken herziehen, platzt mir der Kragen. Diese selbsternannten Eliten sind wohlhabend. Sie sind in reiche Familien hinein geboren worden und lagen schon bei der Geburt 1:0 vorne. Danach nur noch Dance, Dance, Dance, Jazz, Tango, Mango und bei all dem blieb eines auf der Strecke: Die Menschlichkeit!

Ich bin mit neun Jahren als Gastarbeiterkind nach Deutschland gebracht worden. Glaubt mal nicht, dass in Deutschland alles eitel Sonnenschein ist (an die Türken gerichtet). Zwischen den beiden Kulturen bin ich hin- und her gerissen gewesen. Sie haben mich unterdrückt, benachteiligt und oft musste ich die Zähne zusammenbeißen und vieles dulden, doch eines hatte immer Bestand: Ich ging immer erhobenen Hauptes meinen Weg. Als geschiedene Frau mit damals einem Kind, studierte ich in Frankfurt und machte Karriere in meinem Beruf. Mit den Entscheidern der Wirtschaft und Politik war ich auf Augenhöhe. Zeigte soziales Engagement. So gesehen stieg ich gegenüber meinen Eltern, eine Klasse mindestens auf. Nunmehr lebe ich seit drei Jahren in der Türkei. Ich bin GLÜCKLICH, das vorweg. Ich bin glücklich, nach 41 Jahren wieder hier zu sein! Derzeit mache ich die Re-Integrationsphase in der Türkei durch, auch mit schlechten Erfahrungen. Zum Glück bin ich ein Freigeist. Ich lasse mich nicht unterdrücken, denn sonst wäre ich hier verloren. Früher an der Uni in Frankfurt, musste ich die hochnäsigen Studenten, die aus wohlhabenden Familien aus dem Ausland kamen, auch aus der Türkei, ertragen. Hier erlebe ich sie in ihrem Umfeld live. In Istanbul wollte ich Mitglied vom elitären Cercle d’Orient (Büyük Kulüp) werden, schließlich wollte ich mir auch in der Türkei ein Netzwerk schaffen. Dann aber dachte ich; “Nein, hierhin gehöre ich nicht hin!” und ließ davon ab.

In Bodrum sah die Sache anders aus, aber nur unwesentlich. Hier gibt es auch tolle Menschen, Typen, die aber angefangen von ihren Yachten, Motorbooten, über die abgeschlossenen Schulen etc. mit so ziemlich allem angeben müssen. Das ist ihr Lebensinhalt. Mich muss man nicht lieben aber ich glaube, dass man mir menschlich und mit dem gebührenden Respekt begegnen sollte, die alle Menschen verdienen. Auch wenn das hier in der Türkei eine Männergesellschaft ist, wo selbst die Frauen sich mit ihren Männern und deren Reichtum und Schulabschlüssen rühmen, so möchte ich unterstreichen, dass man mich hier als eine Frau bezeichnet, die Eier hat und damit kann ich gut leben und mindestens gegen 100 Männer dagegenhalten.

Ich bin heute in eine schöne Woche aufgewacht (sie schrieb den Text am Montag) und möchte diese Woche zu einer der schönsten für mich machen und die verrückte Frau in mir verwöhnen. Die anderen sollen ihrem Tango, Mango und Jazz hinterherlaufen, ich werde türkische Volksmusik und Elektro- und Pop hören.”

Damals kam sie für wenige Stunden nach Alanya, um mich zu besuchen. So (positiv) verrückt wie sie ist, zog sie auf dem Rückweg ihren Bikini an und ab ins Meer.

 

 

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