Türkei: Die AKP in der Wählergunst unten, aber …

Wer sich so lange beruflich und privat mit der Türkei befasst, die Ungerechtigkeiten von den Regierenden, wie der sog. Opposition, die diesen Namen nicht verdient, vor die Augen führt, hat nicht nur ein Netzwerk, welches sich von denen des Osman- und Otto-Normalverbrauchers unterscheidet. Auch entwickelt man ein Gefühl dafür, wer was zuerst erfährt und verkündet. Ja, manche verkünden, was passieren wird, aber entweder durch die Blume, oder so, dass nur Insider, die ständig damit befasst sind, die Message mitbekommen.

Heute schreibt der Journalist Can Atakli, der wie nur wenige die Person des Erdogans noch angreifen und offen kritisieren und dabei frei rumlaufen dürfen von einer Quelle (KONDA Meinungsforschungsinstitut), die auch für mich schon seit Jahren das A und O ist, wenn es um die Stimmungslage in der türkischen Politik geht.

Er schreibt in seiner Kolumne in der Zeitung Korkusuz, dass in der türkischen Hauptstadt komische Dinge passieren. Wann nicht? Widersprüchliche Aussagen, die einen behaupten, es würde vorgezogene Neuwahlen geben und die anderen behaupten genau das Gegenteil. Dabei sind beide Informationen von AKP Insidern.

Was auffällt, ist die Tatsache, dass die eine Meinungsumfrage die andere jagt und dass diese alle ein Ergebnis ausweisen. Die AKP verliert Blut und wird immer schwächer.

Die Ergebnisse tragen dazu bei, dass die Taugenichts Opposition Hoffnung schöpft, ohne dabei aktiv zu werden. Genau wie Atakli habe ich schon früh festgestellt, dass das KONDA Meinungsforschungsinstitut, bei dem man das Wort „Forschung“ in der Mitte ab und an komplett weglassen könnte, immer mehr weiß als andere. Ich kenne einige Herrschaften der Geschäftsleitung und weiß, dass die Entscheider mit dem Alleinherrscher per du sind. Oftmals wird der Name des Meinungsforschungsinstitutes von Erdogan Gegnern für Fakemeldungen genutzt, wenn es um erdachte Umfrageergebnisse geht. Diese werden dann in der Regel innerhalb von 48 Stunden vom obersten Boss des Unternehmens für Fake erklärt.

Nicht so dieser Tage.

Der Geschäftsführer von KONDA sagte höchstpersönlich, dass die AKP nennenswerte Verluste in der Wählerschafft ausweisen würde. Da KONDA, wie auch Atakli feststellt, zumeist alles als erster verkündet, muss man diese Feststellung zwangsläufig ernstnehmen und dem Gewicht beimessen. Das genaue Jahr hätte ich nicht sagen können, aber Atakli stellt fest, dass KONDA seit den Wahlen in 2007 immer richtig lag. 2006 soll KONDA schon das Ergebnis der Wahlen in 2007 haargenau genannt haben.

Vor den Wahlen in 2007 passierte viel Negatives um die AKP, dennoch verschoben sich die Wählerstimmen nicht und alles trat so, wie KONDA verkündete, ein.

Als ob Erdogan der Prächtige gesagt hätte: „Ihr könnt Euch kopfstellen, so wird mein Wahlergebnis sein!“

Auch bei den danach folgenden Wahlen, die ab 2008 verstärkt in meinen Fokus rückten, weil ich immer mehr Unrecht zu kritisieren begann, war es nicht anders: KONDA wusste viel mehr als die anderen, weil an der Quelle.

Unlängst feuerte der Geschäftsführer von KONDA eine Stellungnahme ab, die aufhorchen lässt: „Sogar in der Basis der AKP, bei den Hartgesottenen, sind 10% weggebrochen!“. Auch soll er gesagt haben, ich habe es nicht selber mitbekommen und muss mich auf Atakli berufen, dass die Parteivorsitzenden Babacan und Davutoglu, der neugegründeten Parteien in der Türkei, ihre Chance wittern, zumal der Zuspruch von Erdogan unter 30% rutscht.

KONDA verkündet, dass die Opposition in der Wählergunst gestärkt dasteht, während die AKP weiter an Stimmen verliert.

Ab hier zitiere ich Can Atakli:

„Obwohl wir alle zuletzt zwei Präsidentschaftswahlen erlebten, haben wir einen zweiten nötigen Wahlgang nicht erlebt. So ist die Opposition, wie auch die Wählerschaft in der Türkei, auf die nötigen 50% +1 der Stimmen fixiert, während Erdogan sich eher Gedanken um den zweiten Wahlgang macht.

Jede Umfrage in diesen Tagen, lässt die Opposition immer mehr hoffen. Wenn es nur ein Wahlgang gäbe, würde ich dem Recht geben. Nach meinen Beobachtungen macht der Erdogan die Rechnung anders auf. Er fragt sich ‚Könnte ich den zweiten Wahlgang gewinnen?‘ Auch wenn die AKP Stimmen weiter fallen, so sind sie doch immer noch die Nummer Eins. Wenn sie mit der nationalistischen MHP weiter koalieren, werden sie ins Parlament 300 Abgeordnete schicken können. Wenn die prokurdische HDP die 10% Hürde nicht schafft und die Wahrscheinlichkeit ist durchaus gegeben, so kann die AKP/MHP Koalition sogar mit mehr als 300 Abgeordneten rechnen. So werden sich im zweiten Wahlgang eine nach Prozenten stärkere, in 6-7 Parteien zerstückelte Opposition und die mit der absoluten Mehrheit im Parlament ausgestatteter AKP/MHP sich begegnen. Genau das ist es, was für den Erdogan wichtig ist. Er geht davon aus, dass die Opposition sich nicht bei einem einzigen Kandidaten sich einig sein wird. Was in den 15 Tagen, zwischen dem ersten und zweiten Wahlgang passieren wird, wird die Opposition lediglich erstaunt beobachten.“

go2tr.de: Merkt Ihr was? Es geht um Stimmen und um Machterhalt. Selbst die marode Wirtschaft, die vielen Arbeitslosen und die vielen Unternehmenspleiten, kommen als Thema erst hintendran. So wie die türkische Opposition einen möglichen zweiten Wahlgang bei den Präsidentschaftswahlen der Türkei außer Acht lässt, vergessen viele die darüber schreiben, reden und hoffen, dass die Wirtschaft zwangsläufig den Prächtigen vom Thron umhauen wird. Dass das nur in Demokratien so ist, vergessen die meisten. In so einer Situation, wie sich die Türkei momentan befindet, würde es, wenn es demokratisch zuginge, sofort Neuwahlen geben und die Regierenden abgewählt bzw. abgestraft werden. Nicht so bei sogenannten Demokratien, wo der Alleinherrscher das Sagen hat. Er wird uns noch lange die Luft zum Atmen nehmen und bleiben.

Aktuell: Heute ist der regierungskritische Journalist Ismail Dükel u.a., der zuerst für HALK TV und dann für Tele1 aktiv war, im Morgengrauen zuhause abgeholt und abgeführt worden. Abermals -1 im Lager der Gerechten und Andersdenken.  Er darf bis zu 5 Tage festgehalten werden, da noch vor kurzem die Dauer für die erste Vernehmung von 24 Stunden auf 5 Tage erhöht wurde. Gerade erfahre ich, dass ihm politische und militärische Spionage vorgeworfen wird.

 

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