Türkei: Der Sparzins wird abermals herabgesetzt und der Kampf um 150 EUR Rente

Meine Tante Fatma lebte damals, wie viele Türken im Lande, von den Zinsen ihrer Ersparnisse. Die Zinsen waren das Sahnehäubchen dessen, was monatlich zur Verfügung stand. In früheren Jahren gar, dachten viele Türken, dass sie ausschließlich von den Zinsen ihrer Ersparnisse leben könnten, was ja auch sehr lange möglich war.

Dieser Tage stehen die Sparzinsen bei 6-7% und wie man jetzt von Insidern erfahren kann, geht es bald auf 5-6% herunter und das bei einer offiziellen Inflationsrate vom Doppelten davon, wie heute mitgeteilt wurde. Die eigentliche Inflation dürfte bei ca. 40-50% liegen.

Nach Lage der Dinge dürften die türkischen Sparzinsen nie wieder auch nur annähernd in die Nähe der Inflationsrate kommen.

Die Türkei lebte dabei über 30 Jahre mit den hohen Zinsen

Der damalige Ministerpräsident Özal löste am 1. Juli 1980 die Zinsbindung. Bis dahin gab der Staat immer vor, wie hoch die Zinsen sein durften. Daraufhin stiegen die Inflation und die Zinsen in astronomische Höhen. Die Sparzinsen lagen dabei weitaus höher als die Inflationsrate.

Das machte Laune bei den meisten. Es gab viele Private Banker, die horrende Zinsen versprachen und so Gelder anhäuften, um später Bankrott zu gehen, oder abzuhauen. Sehr, sehr viele verließen sich darauf, auf ewig von den Zinsen ihrer Ersparnisse zu leben.

Als die türkischen Banken, Unternehmen und Geschäftsleute sich im Ausland weitaus günstiger verschulden konnten, war es allmählich aus mit den hohen Zinsen. Der Staat zahlte auf die Schuldverschreibungen weiterhin hohe Zinsen, was der Grund war, dass die Banken den Sparern einige Zeit lang ebenfalls hohe Zinsen zahlen konnten.

Jetzt treib mal den Menschen, die 30 Jahre so gelebt haben, die Gewohnheit aus und erkläre ihnen, dass die Zeiten, wo man Geld mit Geld verdienen konnte vorbei sind, zumindest für den Osman-Normalverbraucher.

Der Kampf um 150 EUR Rente

Die  Deutsche-Rente von meiner Mutter beträgt gewaltige 150 EUR im Monat. Den ‘Monat’ habe ich extra ergänzt, denn es hätte auch für ein Quartal oder Jahr sein können.  Sie lebt in der Türkei und bekommt diese Rente aus Deutschland überwiesen, eigentlich seit zwei Monaten nicht mehr. Sie muss nachweisen, dass sie noch am Leben ist. Das könnte sie mit ihren 88 Jahren nur, wenn sie zum Einwohnermeldeamt geht, oder über E-Staat der Türkei, online. Egal welchen Weg sie gehen wollte, sie hätte einige Hindernisse zu überwinden. Zum einen haben +65 jährige dieser Tage wegen COVID19 Ausgangsverbot und zum anderen, da wo sie hin müsste, ist nicht behindertengerecht gebaut. Das Einwohnermeldeamt ist zu weit weg und ist wegen den vielen Treppen unnahbar. Da bleibt nur noch der Weg zum Hauptpost der Stadt. Alle anderen Filialen der Post sind ebenfalls wegen Corona dicht. Die Hauptpost ist ebenfalls unnahbar. Zu viele Stufen. Dabei müsste sie sich nur kurz am Schalter ausweisen, 5 Lira hinlegen und ihr E-Staat PIN bekommen, damit kann sie alles, was mit dem Staat zu tun hat erledigen in der Türkei. Wäre einer dieser zwei Alternativen eine Option für sie, müsste man noch eine Sondererlaubnis beantragen, dass sie das Haus verlassen darf. Was tun?

Jetzt hat man meinem Bruder, der die Aktion managt gesagt, dass die Ausgangssperre am Monatsende aufgehoben werden würde. So haben ihm die Vögel gezwitschert. Eigentlich ist das mehr ein Hoffen, dass das passiert. Wollen wir mal glauben. Dann wäre die nächste Postfiliale in 300 Meter Entfernung von der Wohnung und ebenerdig. Wir setzen darauf und ölen schon mal den Rollator und schauen nach dem Reifendruck!

Nochmals zur Erinnerung! Da die Türkei eine Demokratie ist und man dort frei die Meinung sagen darf, wenn dieser denn mit dem des Alleinherrschers identisch ist, kann ich meine Mutter in Natura nicht mehr sehen, riechen, berühren und umarmen. Halte durch Mutti, wir müssen ihn überleben!  

 

 

 

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