„Sollen sie (die Ausländer) doch gehen, wenn sie wollen!“

Unüberlegt reden dieser Tage viele zwar weltweit, aber wir konzentrieren uns hier bekanntlich auf die Türkei. Die meisten, mit denen ich in der Türkei die letzten Tage spreche, scheinen auch ohne Absprache einer Meinung zu sein: „Sollen sie doch gehen!“ Ich denke, es ist eine unüberlegte Trotzreaktion, auf die Feststellung, dass immer mehr ausländisches Kapital von Ausländern ins Ausland wandert.

Wer so kommt, macht sich alles zu einfach und agiert jenseits der Realität. Wenn die Ausländer verkaufen und gehen, macht sich das an der Devisenfront bemerkbar.

Warum möchte man Investoren ins Land locken, wenn die auf der anderen Seite doch ruhig abziehen können?

Würde die Türkei auf reichlich Devisen sitzen, dann könnte man so kommen. Warum sonst traf der Schatzamts- und Finanzminister sich online mit ausländischen Investoren, doch nur um dafür zu werben, damit sie rüberkommen mit den Geldern.

Die Suche nach dem sicheren Hafen hat weltweit Konjunktur

Die ausländischen Investoren dezimieren ihr türkisches Eigentum, Wertpapiere und Gelder und bringen es wieder ins Ausland. Das ergeht nicht nur der Türkei so. Alle Länder, die der Türkei wirtschaftlich gleichgestellt sind, erleben das dieser Tage. Risikominimierung heißt die Devise.

Verkauft der Ausländer Aktien, inländische Schuldverschreibungen o.ä. bekommt er türkische Lira ausgezahlt, die er in die eigene Währung, jedoch zumeist in USD oder EUR umtauschen muss. Schon kommt es so, wie man es nicht gerne hätte. Er nimmt die knappen Devisen vom Markt und treibt so den Umtauschkurs noch höher.

In den ersten vier Monaten haben die Ausländer (wobei die im Ausland lebenden Türken auch dazu zählen) 8,4 Milliarden USD aus der Türkei abgezogen. Das ist ein Rekord für die Türkei, wobei man sagen muss, dass Reaktionen des Devisenmarktes darauf noch nicht erfolgt sind. So etwas tritt bei einer fast eingefrorenen Wirtschaft, wie wir sie derzeit in der Türkei vorfinden, zeitversetzt ein. Sobald der Konsum anzieht, werden auch die Preise explosionsartig anziehen (müssen), zumal die Produkte fast alle einen Importanteil in sich verbergen (sei es Energie, Verpackung, Rohstoffe etc.), welches mit teuren Devisen erkauft wurde. Just in dem Moment, werden die Devisenkurse nochmals stark anziehen.

„Abhauen soll der Ausländer. Was bringen sie uns schon für einen Vorteil, sie wollen doch auf unserem Rücken Geld vermehren und sind nur scharf auf die hohen Zinsen!“ Stimmt!

Aber wofür sonst investiert man überhaupt? Ist das nicht das Ziel eines jeden Investors? Sollen die Ausländer ihre Gelder in die Türkei bringen, um der Türkei zu helfen? Oder denken einige, dass der Ausländer so viel Geld hat und nicht weiß, wohin damit?

Ziehst du nicht von Bank zu Bank und schaust, wer die besten Zinsen gibt?

Investierst Du dein Geld in einem afrikanischen Land, wo die Justiz nicht so doll funktioniert, oder dort, wo Du der Justiz Vertrauen kannst. Jetzt werden einige kommen und sagen: „Vergleichst Du etwa die Türkei mit afrikanischen Ländern?“

Jetzt kommt die Mutter aller Fragen: Woher soll die Türkei Geld herbekommen?

Früher kamen die Devisen fast ausschließlich über die Tourismusindustrie, zumal die Importeerlöse, die der Exporte auffraßen. Und nun?

Kommen Katar und China als Geldgeber in Frage?

Die, die den Mund zu voll nehmen und „Sollen sie doch gehen!“ sagen, hoffen auf Katar und China als Geldgeber. Diesem Personenkreis möchte ich etwas sagen: „Glaubt mir, die haben auch kein Geld zu verschenken.“

Überhaupt, nur die IWF hat die Kontrollmechanismen und die hunderte von Milliarden USD an Beträgen, aber auch Richtlinien. Sie reglementieren und geben vor, wie was in der Geldpolitik zu laufen hat und das bei einem Diktator? No way!

Kaltstart X - Das Buch von Ahmet Refii Dener

Das könnte Dich auch interessieren …