“Er macht sein Ding!” – Über eine Leidenschaft, die Durchblick schafft

Meine Kolumne aus dem TAGESSPIEGEL von heute. Seite: WELTSPIEGEL, Rubrik: Einmal hingeschaut.

Fensterputzen ist mein Ding. Ich war nie zufrieden wenn andere es machten. Also putzte ich die Fenster unserer Wohnung im Stadtteil Moda-Kadiköy in Istanbul selber. Für euch mag das normal klingen, aber in der Türkei ist ein Mann kein Mann, wenn er freiwillig Fenster putzt. Männer machen normalerweise keine Hausarbeit. Fensterputzen in aller Öffentlichkeit schon gar nicht.

Im Stadtteil Moda, direkt am Wasser, hat man einen ungestörten Blick auf den Bosporus und die historische Halbinsel von Istanbul. An Wochenenden zogen an die 70 000 Menschen an unserer Haustür vorbei. Die Zahl stammt aus einem Stadtmagazin. Nun gut, in der Türkei knallt man Nullen hinten dran, damit es noch imposanter klingt. Ihr könnt mir glauben: Tatsächlich zogen gefühlte 40 000 Menschen an uns vorbei. Da wir Parterre wohnten, hatte ich mit einigen tausend von ihnen Blickkontakt.

Es war fast so als lebte ich auf dem zwölf Meter langen Balkon. Allerdings hatte er nur eine Breite von anderthalb Metern. Meinen Sonnenhunger hatte ich aus Deutschland mitgebracht. Sogar bei weniger als zehn Grad Kälte, saß ich mit einem T-Shirt bekleidet auf dem Balkon. Wenn mich jemand von der Straße verwundert anstarrte, sagte meine Frau mit einem Fingerzeig auf mich: „Er hat sein Leben lang in Deutschland gelebt und muss die Sonne auskosten!“

Kommen wir zurück zum Fensterputzen. An einem Samstag nahm ich meinen Wassereimer mit heißem Wasser und Essig und fing an die Fenster zu putzen. Meine Frau schwankte zwischen Stolz und Peinlichkeit. „Was sollen die Leute denken?“ Besonders die Nachbarn hatten jede Menge Sprüche im Gepäck. Wie wir später erfuhren, dachten die Nachbarn, dass wir uns keine Putzfrau leisten könnten. Und ich deshalb zur Tat schreiten und die Fenster selber putzen würde.

Außerdem erwischte ich meine Frau dabei, wie sie den Menschen, die an unseren Fenstern vorbeiflanierten – wieder mit einem Fingerzeig auf mich – sagte: „Er putzt gerne Fenster, ist sein Hobby!“ Das sollte wohl die für türkische Augen außergewöhnliche Szenerie etwas abfedern helfen.

Was soll ich sagen – in unserem Stadtteil war ich bekannt wie ein bunter Hund. Zumal ich neben dem Fensterputzen viel sprach, viel lachte und die Menschen zum Lachen brachte. Allein durch diese, eigentlich menschlichen Züge, falle ich auch in Deutschland auf, denn es gibt hier wie dort fast nichts mehr zu lachen.

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