Kummerbund – Ich lebte den Traum der meisten Türkeistämmigen aus

Schon der Name Kummerbund klingt nicht besonders positiv und verbirgt Negatives in sich. Wüsste man als Mensch mit Migrationshintergrund nicht, was damit gemeint ist, würde man sicherlich eine Gruppe von Menschen dahinter vermuten, eine Interessengemeinschaft, die alle die gleichen Sorgen haben und sich zu einem Kummerbund zusammengeschlossen haben. Ich war noch jung im Geschäftsleben, so um die 25 Jahre alt. Ich knüpfte Kontakte zu Herstellern in Deutschland, damit ich Produkte fand, die ich in der Türkei hätte in Lohnauftrag produzieren können. Dabei machte ich kaum Unterschiede nach den Branchen. Alles wäre mir recht, denn es gab nichts, was man in der Türkei hätte nicht herstellen können. Einmal klingelte das Telefon, am anderen Ende war ein Krawattenhersteller aus ‘Samt- und Seidenstadt Krefeld‘.

„Herr Dener, Sie hatten uns kontaktiert, da wollten wir mal fragen, ob Sie für uns Kummerbund herstellen können, in der Türkei.“ Den Begriff ‚Kummerbund‘ hatte ich vorher nie gehört und hatte auch keine Vorstellung davon, was das sein könnte. Ich schrieb das Wort auf und zeigte einem, der im Büro zufällig an mir vorbeiging, auf das geschriebene Wort und machte dazu noch eine fragende Handbewegung, was das denn wäre. Mittlerweile hatte ich meinem Gegenüber schon geantwortet: „Klar, wenn Sie mir die Spezifikationen schicken, was sie genau benötigen.“ In der Zeit erklärte mir der gefragte per Handzeichen, was das ist. Er zeigte auf seinen Bauch, zeigte auf seinen Hosengürtel und wie er diesen umgebunden hat und dann nochmals der Fingerzeig auf seinen Bauch. Hatte das Ganze mit dem Kummerspeck zu tun? So ein Band drüber, damit man den Bierbauch kaschiert? Hund, Katze, Maus, alle Begriffe zogen sie an mir vorbei, aber kein Kummerbund. Nach dem Telefonat war alles klar. „Trägt man so unter dem Smoking!“ sagte einer, auf seinen Bierbauch zeigend. Alles klar, ich wusste Bescheid. So etwas hatte ich bei meinem Vater zwei Mal gesehen.

Ich bekam den Auftrag, fünftausend Stück davon, jeden Monat zu produzieren. Den Stoff lieferte mir die Firma aus Krefeld in die Türkei, es ging nur um die Lohnarbeit. Ich bekam Schablonen zum Zuschneiden und Bügelanleitungen. Überhaupt, so wie gefaltet und gebügelt wurde, war die den Mundschutzmasken sehr ähnlich. Deshalb fiel mir die Story heute auch ein. Ich kaufte fünf Bügeleisen, drei sehr große Tische und suchte fünf Angestellte, die für mich die Kummerbunde falteten, nähten und bügelten. Es lief von Anfang an sehr gut. Es war übrigens mein erstes Türkei-Business überhaupt. Meine Eltern und alle waren stolz auf mich, wie schnell ich im Unternehmertum Fuß fasste. Probleme hatten sie allerdings damit, was ich tat. Denn bis heute kenne ich das Wort für den Kummerbund in Türkisch nicht. „Du weißt doch, dass ist so ein Gürtel, so zusammengefaltet, den man zu feierlichen Anlässen unterm Smoking trägt.“ Keine Ahnung, was sich die Leute darunter vorstellten, zumal die meisten unter Smoking sich schon nichts vorstellen konnten. Die, die etwas Englisch konnten, wussten bei Smoking, dass es sich um Raucherbedarf handeln müsste, aber das war nun mal meine Erklärung.

Ich war in dem Business, wo man so Gürtel für den Bauch, aus Stoff zusammenfaltete und bügelte.

Dabei tat ich das, wovon die meisten Türkeistämmigen träumen, drei Mal im Monat flog ich nach Istanbul und verbrachte mehr als den halben Monat dort. Machte die Lieferungen nach Deutschland versandfertig. Fragst du die Deutschtürken, die die zum Leben und Arbeiten Richtung Türkei tendieren, was sie den gerne machen würden, so antworten sie: „Am besten eine Aufgabe, wo es zwischen den beiden Ländern hin und her geht und gutes Geld abwirft. Genau das, was ich tat.

Einige Monate war ich schon dabei und es war eine absolute Win-Win-Situation. Fast stellte ich mir vor, wie ich als Kummerbundproduzent mit 65 Jahren in Rente gehen würde. Ich entwickelte neue Ideen, was man noch so alles anders machen könnte, hatte sogar neue Bügeltechniken und Arbeitsabläufe, die den Ablauf optimierten und vom Besteller übernommen wurden.

Nach knapp einem Jahr war die Zeit für die Expansion gekommen. Schließlich hatte ich nicht studiert um auf der Stelle zu treten, es musste weitergehen.

Ich fragte einen arbeitslosen Bekannten, ob er der Sache vorstehen wollte. So konnte ich Ausschau nach neuen Auftraggebern halten. Es verstrichen nochmals einige Monate. Ich verdiente sehr gut und fragte mich immer wieder und das von Anfang an, wer um Himmelswillen die Träger dieser Kummerbunde waren. Mein Auftraggeber war kein Monopolist und einer von vielen, die Kummerbund herstellten, aber wenn man bedenkt, dass ich allein jeden Monat mittlerweile an die 8.000 Stück nach Deutschland schickte…

Es war ein verdammt heißer Juni Tag und als ich darüber nachdachte, wer bei so einer Hitze mit einem Kummerbund rumlaufen würde, klingelte das Telefon. Am anderen Ende war mein Auftraggeber. „Herr Dener, was ist das den für ein Scheiß!“ sagte er. Eigentlich hätte ich den Satz dick und fett schreiben müssen, so wie er drauf war. Ich ließ mein Leben Revue passieren und versuchte zu ahnen, was er denn meinen könnte, wo wir doch bis dahin so ein gutes Geschäftsverhältnis hatten. „Ich verstehe nicht, was ist passiert?“ „Tun Sie doch nicht so, kommen Sie sofort hierher!“

Sofort fuhr ich in Köln los und war eine Stunde später bei denen im Büro. Die Kummerbunde aus meiner Produktion waren auf dem Tisch ausgelegt.

Ich ging rein und fragte abermals: „Was ist denn los?“

„Was ist mit der Ware?“ war die Gegenfrage zu meiner Frage. Ich verstand die Welt nicht mehr. Die Kummerbunde waren einwandfrei. Ich drehte und wendete, fand aber keine Fehler. „Sie geben jetzt zu, was sie gemacht haben, oder ich werde Sie anzeigen!“ Mein Herz pochte, fast war mir klar, dass ich so meinen 30. Geburtstag nicht mehr erleben würde. Mit einer Handbewegung versuchte ich die beiden Partner zu beruhigen. „Bitte sagen Sie mir was los ist, denn ich habe keine Ahnung was hier abgeht.“

ID 172020548 © Annachizhova | Dreamstime.com

Daraufhin nahm einer der Partner einen Kummerbund in die Hand und zeigte drauf: „Das ist nicht unser Stoff, Sie haben es vertauscht gegen ein billiges!“

Je mehr ich mit meinen Fingern drüber strich, wurde mir klar, dass dieser Stoff unmöglich das sein konnte, was die mir aus Deutschland zuschickten. Zu einem Moment, wo ich dachte, noch roter geht es nicht, glühte ich dermaßen, dass mein Gesicht Purpurrot war. Ich schaute nach rechts und links, ob aus den Ohren Blut herausschoss.

„Das muss das Werk von meinem Atelierleiter sein!“ sagte ich. Ich bat die Auftraggeber um Geduld und fragte, ob einer von beiden mit mir nach Istanbul mitfliegen könnte. Sofort holte ich drei Flugtickets und knapp vier Stunden später saßen wir schon in der Maschine. Wir (ich, einer der Geschäftspartner und ein Dolmetscher, den ich für teures Geld buchte, damit das Gesprochene von einem Fremden übersetzt wird und nicht durch mich), mussten First-Class fliegen, weil die Maschinen wegen den Sommerferien, die an diesem Tag losgingen in NRW, ausgebucht waren. Der Spaß kostete mich einen fünfstelligen DM Betrag. Musste aber sein, denn ich wollte am Ende nicht als Betrüger dastehen. Den Mitarbeiter rief ich vorher nicht an, denn ich wollte ihn überraschen.

Am nächsten Morgen tauchten wir am Atelier auf. Der Atelierleiter war sichtlich überrascht. „Hör mal, hast Du gedacht, dass das nicht auffliegt? Was hast Du mit den Stoffen aus Deutschland gemacht?“ „Wieso, nichts!“ war in diesem Moment natürlich die Top-Antwort, die ich am wenigsten hören wollte. Da ich das „sich aufregen“ als Mann der Goldenen-Mitte nicht so beherrsche, legte mein Auftraggeber nach. Lange Rede, kurzer Sinn. Er hatte die edlen Stoffe im Inlandsmarkt verkauft und dafür ähnliche aus türkischer Produktion gekauft. Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass die Türkei keine edlen Stoffe herstellen könnte, ganz im Gegenteil, alle Top-Labels der Welt lassen in der Türkei produzieren, oder kaufen den Stoff in der Türkei ein. Der Gewinn, wie wir später aus den Unterlagen entnehmen konnten, machte das fünffache des Gehalts von meinem Atelierleiter aus.

Das muss man sich mal vorstellen, mit welcher Naivität dieser Mensch agierte, als ob man das nicht merken würde.

Wir verblieben mit dem Auftraggeber so, dass es keine Anzeige wegen Betruges gab. Ich produzierte noch drei Monate, in denen ich die ganze Zeit in Istanbul war und alles selber überwachte. Danach wurde der Auftrag seitens des Auftraggebers storniert und einige Monate später erfuhr ich, dass das Unternehmen in Konkurs ging.

Wäre ich heute noch Kummerbund-Produzent, könntet Ihr sicher sein, dass ich ganz groß im Maskengeschäft wäre. Mit der Falttechnik die ich entwickelt hatte, hätte ich die Standards gesetzt. Stellt Euch vor eine Maske, die man u.U. auch als Kummerbund verwenden kann. Da wackelt die Welt aber ganz heftig!

Diesen Paywall unten habe ich bewusst an der falschen Stelle gesetzt. Patenschaft ist und bleibt freiwillig. Jetzt liegt es an dir. Auf gute Zeiten!

Vodafone Türkei FlatKaltstart X - Das Buch von Ahmet Refii Dener

Das könnte Dich auch interessieren …