Der erste Bankräuber der Türkei war ein Gentleman

Juli 1961, es ist ein heißer Sommertag in Istanbul. Die Ausläufer des Militärputsches aus dem Jahr 1960 hatten noch Bestand, es herrschte Ausnahmezustand im Land. An diesem Tag rollte langsam ein grüner Chevrolet Impala mit breiten Flügeln hinten, Baujahr 1959, vor die Bugday Bank. Der Mann mit der dunklen Brille am Lenkrad, ließ den Motor laufen. In diesem Augenblick stieg ein schlaksiger, großgewachsener Mann im Anzug, mit dunkler Brille aus dem Wagen und trat in die Bank ein.

Chevrolet Impala Sport Coupe, 1959 (Foto: imcdb.org)

Er zog eine Sten Gun raus, die er unter seinem Sakko versteckt hatte und rief: „Keine Bewegung!“ Etwas einmaliges passierte in der Türkei, denn es war der erste Bankraub, der Gangster, der aus den amerikanischen Filmen entsprungen sein könnte, war Necdet Elmas, der erste Bankräuber der Türkei. Er zog einen Beutel aus seiner Tasche raus und schmiss diesen zur Kassiererin rüber: „Mach ihn voll!“ rief er. Die Kassiererin machte zittrig den Beutel mit 2.900 TL voll. In der damaligen Zeit viel Geld. Necdet hatte den Bankdirektor nicht gesehen, der nahe dem Ausgang saß. Dieser rannte raus und schrie um Hilfe. Nach ihm rannte Necdet heraus, schoss in die Luft und rief: „Kommt mir nicht zu nahe, sonst seid ihr tot!“ und sprang in den Chevrolet. Er kam davon.

 

STEN GUN, Foto: militaryfactory.com

 

 

Am nächsten Tag beherrschte er die Schlagzeilen der Zeitungen, ja sogar soll die ganze Seite ihm gewidmet worden sein. Die Militärs, damals nach dem Putsch auch für Polizeidienste zuständig, fühlten sich auf den  Schlips getreten und bloßgestellt. Wie konnte so etwas passieren, wo doch Ausnahmezustand herrschte?

Am 18. August, es war in den Mittagsstunden.  Vor der Isbank in Kazlicesme, hielt ein 59er Chevrolet Impala. Mittlerweile war der Wagen in schwarz. Wieder saß der oben beschriebene Fahrer am Steuer und wieder stieg Necdet aus dem Wagen. Mittlerweile hatte er sich wohl einen anderen amerikanischen Gangsterfilm angeschaut, denn er hatte eine Strumpfhose über den  Kopf gezogen. Wieder sein Sten Gun und wieder der Spruch: „Keine Bewegung!“ Die Menschen waren erstarrt und zitterten. Er schmiss den Beutel, den er abermals aus seiner Hosentasche zog, dem Kassierer ins Gesicht: „Füll ihn  auf!“ Die Sache lohnte sich gewaltig, denn er nahm 165.000 TL mit. Für die damalige Zeit ein Vermögen. Wieder in den Chevrolet und weg war er.

Wieder passte er am nächsten Tag nicht mehr in die Zeitungen rein. Die Türkei sprach nur noch über ihn. Da er die Militärs bloßstellte, war die Bevölkerung wohl eher auf der Seite von Necdet.

15 Tage später wurde Necdet im Stadtteil Darica in dem Haus, wo er sich aufhielt von Soldaten umzingelt und gefasst. Auf seinen Kopf waren 100.000 TL ausgesetzt, was für einen Verwandten von ihm genug Anlass war, ihn zu verpfeifen.

Necdet Elmas blieb seiner Linie treu. Er bat die Soldaten, sich rasieren zu dürfen, weil er sich nicht so zeigen könne. Sie ließen ihn machen. Nachdem er seinen Anzug anzog, ergab er sich.

Später erfuhr man, dass Necdet eigentlich Jura studierte. Nachdem sein siebenjähriger Sohn erkrankte und er vor Armut nicht für ihn sorgen konnte, hörte er nach zwei Jahren mit dem Studium auf und geriet auf die schiefe Bahn. Eigentlich war er ein Autodieb, spezialisiert auf Chevrolets. Er wurde gefasst und bekam 11 Jahre aufgebrummt. Dann machte er auf Herzinfarkt und wurde ins Krankenhaus gefahren. Nachdem man feststellte, dass es ein Fehlalarm war, lud er seine Bewacher zu einem Drink in einem Lokal ein. Das Toilettenfenster war breit genug, dass er flüchten konnte. Als er nach den Banküberfällen gefasst wurde, war er mit der 20 Jahre jüngeren, 19 Jahre alten Sabahat verlobt.

Necdet Elmas nach seiner Verurteilung vor dem Gericht. Frisch rasiert, feiner Zwirn, Wayfarer Brille. Der Soldat blickt auf den Bu… die Brosche der Frau. 🙂

Er war wie immer frisch rasiert und mit seinem feinsten Anzug vor dem Richter. In den Gerichtsakten soll folgender Spruch stehen, die er vor der Urteilsverkündung losgelassen hat: „Sollte ich das hohe Gericht durch irgendeine Bemerkung beleidigt haben, möchten Sie mich bitte entschuldigen und dieses auf meinen  derzeitigen Gemütszustand zurückführen. Mir ist bewusst, dass Verbrechen Schmutz bedeutet und die Strafe einem Bad zu nehmen gleichkommt.“

Er bekam 20 Jahre und wurde bei einer Generalamnestie in 1974 begnadigt. Danach wurde er nicht mehr straffällig. Zuerst betrieb er einen Kiosk im Stadtteil Besiktas in Istanbul und zog dann in sein Heimatdorf in der Stadt Konya um, wo er bis zu seinem Tod 2017 lebte.

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