Bittere Pillen

Meine Kolumne aus dem Tagesspiegel von heute. Über Langeweile, Gerüchte, Schutzmaßnahmen und Großfamilien.

Für das Wort „Langeweile“ benutzt man im Türkischen zwei Wörter, die übersetzt ungefähr „Mein Leben wird bedrückt, zerquetscht oder gedrückt“ bedeuten (Canım Sıkılıyor). Das besagt nicht nur, dass man sich langweilt. Es kann auch heißen, dass man in bedrückter Stimmung ist und dass man nicht mehr weiterweiß. Ich würde sagen, dass die Langeweile in der Türkei bei den Frauen durch Klatsch und Tratsch überbrückt wird und bei den Männern durch Politik- und Fußballdiskussionen. Wobei sich in letzter Zeit niemand mehr traut, über Politik zu diskutieren. In beiden Fällen trinkt man Tee.

Die zweite Bedeutung des Wortes – dass man in bedrückter Stimmung ist – scheint in der Türkei häufiger der Fall zu sein. Den Zahlen aus dem Jahr 2018 nach nehmen neun Millionen Menschen in der Türkei Antidepressiva. Interessant ist, dass diese verschreibungspflichtigen Medikamente von allen Ärzten verschrieben werden dürfen. Den Gang zum Psychologen meidet man. Oder man macht es inkognito. Warum das so ist? Nervenkliniken heißen auf türkisch Verstandeskliniken und sind negativ behaftet. Dort gehe nur der hin, der nicht ganz dicht im Kopf sei …

Dieser Tage sind in der Türkei viele kurz davor, den Verstand zu verlieren. Nach langem Schweigen rückt man jetzt mit Zahlen zu Infizierten und Toten heraus. Als bekannt wurde, dass der Oberbefehlshaber a. D. des Heeres der Türkei am Coronavirus verstorben ist und heimlich beerdigt wurde, war klar, dass man den bisherigen Zahlen nicht trauen kann.

Und Maßnahmen, die in Deutschland richtig sein können, passen nicht in die Türkei. Dort dürfen Menschen über 65 Jahren die Wohnungen nicht mehr verlassen. Dazu muss man wissen, dass ältere Menschen in der Türkei fast nie alleine leben, sondern in der Großfamilie. Wo soll also der Schutz herkommen, wenn die jüngeren Familienmitglieder ständig ein und aus gehen? Dass da einer nicht zu Ende gedacht hat, sieht man auch daran, dass Erdogan 66 Jahre alt ist …

Die Türkei hat eine seit Jahren andauernde, aber unter die Zensur fallende Wirtschaftskrise. Im Gegensatz dazu darf nun über die Coronavirus-Krise berichtet werden – aber nur, wenn nicht die richtigen Zahlen von Erkrankten und Toten kommuniziert werden … Mit dem Ausgangsverbot +65 schützen sich eigentlich nur die deutschen Residenten in der Türkei, den Türken wird es herzlich wenig bringen. Aber in Idlib gibt es ja auch zu Zeiten des Waffenstillstandes tote türkische Soldaten, die kaum jemanden mehr interessieren. It’s Corona-Time!

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