Die strategische Zwiebel

EINMAL HINGESCHAUT – Meine Kolumne aus dem Tagesspiegel von heute.

Über den Lauf der Tomaten, äh, der Dinge.

Wie das so im gewöhnlichen Leben ist: Gehen drei Tomaten auf der Straße. Die Erste sagt „Vor mir ist keine Tomate, aber ich sehe zwei hinter mir.“ Die Zweite sagt: „Ich sehe vor mir eine Tomate und hinter mir auch.“ Die Dritte sagt: „Ich sehe zwei Tomaten vor mir gehen und weitere zwei hinter mir.“ Macht zusammen fünf. Wie kann das passieren?

Auf die Antwort wirst du nicht kommen, denn die Dritte lügt. Der Ablauf ist so ähnlich wie die Vorstellung des ersten türkischen E-Autos, hergestellt zu 100 Prozent in Italien und mit vielen Teilen internationaler Zulieferer.

Die Saat, der Traktor, der Diesel, die Gerätschaften für die Agrarwirtschaft, die Pestizide, der Dünger, die Software für die Kühlhallen, die Transportfahrzeuge, die Verpackungen alles kommt aus dem Ausland. Oder, um einige mundtot zu machen, die jetzt wieder das Haar in der Suppe suchen würden: „das Meiste“.

Wenn die Lage so ist, wie kann die Tomate 100 Prozent türkisch sein? Jetzt hat der Ministerrat der Türkei entschieden, dass Zwiebeln und Kartoffeln als strategische Produkte angesehen werden müssen und nur mit Erlaubnis des Ministerrats exportiert werden dürfen.

Der zuständige Minister sagt: „Aus dem, was wir erlebt haben, haben wir die Lehren gezogen!“ Die Länder, mit denen sich die Türkei in Konkurrenz befindet, sehen High-Tech-Maschinen und Anlagen als strategische Produkte, die Türkei hingegen Zwiebeln und Kartoffeln. Wie zum Beispiel US-Unternehmen keine Raketen an Nord-Korea verkaufen oder ein englisches Unternehmen keine Computer Soft- und Hardware in den Iran verkaufen darf, so hält sich die Türkei zurück, wenn es um Kartoffeln und Zwiebeln geht.

Für die Türkei bedeutet das: Wer Devisen sät, erntet Ärger. Wie kann die Türkei jemals aus diesem Kreislauf herauskommen? Die komplette Abhängigkeit von Devisen – sprich dem Ausland – existiert bereits. Mission Erdogan ist eigentlich schon erfüllt.

Immer noch sagen welche: „Früher waren wir zum Beispiel bei Kartoffeln und sonstigen Agrarprodukten Eigenversorger und brauchten das Ausland nicht.“ So ist das in der Türkei, immer müssen Beispiele von früher herhalten. Wer sich mit den Ereignissen und Erfolgen von früher rühmt, ist wie eine Kartoffel. Deren gute Seiten sind ebenfalls unter der Erde. Jetzt fallen mir wieder die drei türkischen Tomaten ein. Wenn wir die Tomaten durch Menschen ersetzen würden, wer könnte die dritte Tomate wohl sein?

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