Das Osmanische Reich im November 1918: Eine fast vergessene Geschichte…

Momentan wird verstärkt über den Ersten Weltkrieg, der am 28. Juni 1914 durch die Ermordung des österreichisch-ungarischen Erzherzog-Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Gemahlin Herzogin Sophie von Hohenberg entfesselt wurde, berichtet. Auch das für die sogenannten Mittelmächte dramatische Kriegsende, in dessen Ergebnis die Monarchien in Deutschland sowie Österreich-Ungarn untergingen und die Donaumonarchie zerfiel, wird immer wieder dargestellt.

Dabei gerät ganz in Vergessenheit, daß nicht nur für Frankreich, Belgien oder Deutschland ein blutiger Krieg zu Ende ging. Auch an den anderen Fronten – im Nahen Osten und auf dem Balkan – schwiegen endlich die Waffen.

Es wird auch vergessen, daß nicht nur Deutschland und Österreich-Ungarn von erheblichen politischen Umwälzungen erschüttert wurden, auch das in allen Fugen ächzende Osmanische Reich stand am Abgrund. Nicht nur die deutschen Bundesfürsten verloren Throne und Thrönchen, nicht nur der deutsche Kaiser mußte unter wenig rühmlichen Umständen das Land verlassen. Auch der österreichische Kaiser Karl wurde abgesetzt, und in Bulgarien mußte Zar Ferdinand abdanken. Mohammed VI., der seit dem Sommer 1918 regierende osmanische Sultan, verblieb in aussichtsloser Lage zwar noch bis 1923 auf seinem Thron, jedoch taumelte das Osmanische Reich, gedemütigt und nach der Kapitulation der Armee von den Siegermächten des Ersten Weltkrieges bis auf ein kleines Kerngebiet in Einflußzonen aufgeteilt, seinem Ende entgegen.

Die Landkarte Europas veränderte sich ab Ende 1918 rasant – nicht zuletzt ermöglicht durch den folgenschweren Zusammenbruch der Mittelmächte und den Sieg der Entente-Mächte um Großbritannien Frankreich und Italien (das im Frühling 1915 die Seiten gewechselt hatte und der Entente beigetreten war). Auf dem Gebiet Österreich-Ungarns bildeten sich neue Staaten, Polen erlangte nach rund 125 Jahren seine staatliche Existenz wieder, die siegreichen Franzosen übernahmen das erst seit 1871 wieder deutsche Reichsland Elsaß-Lothringen und schlossen es Frankreich an. Die Aufzählung der Ereignisse ließe sich fortsetzen…

Typisch für das europäische Desinteresse gegenüber der Türkei und ihrer Geschichte wird auch in der aktuellen Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg weitgehend vergessen, dass mit dem Kriegsende im November 1918 auch das mit den bereits erwähnten Mittelmächten Deutschland, Österreich-Ungarn und Bulgarien verbündete Osmanische Reich mit dem Verlust der Souveränität über größte Teile des Staatsgebietes und mit der Besetzung seiner Hauptstadt Konstantinopel durch die alliierten Siegermächte einen vorläufigen Tiefpunkt seiner Geschichte erlebte.

Mehr als enttäuschend ist in diesem Zusammenhang die mangelnde Auseinandersetzung mit den engen politischen, wirtschaftlichen und militärischen Verbindungen zwischen dem deutschen Kaiserreich und dem Osmanischen Reich, die im November 1918 unter dramatischen und keineswegs ruhmreichen Umständen beendet wurden. So lässt die wenig interessierte Mehrheitsgesellschaft wieder eine Gelegenheit verstreichen, um mit Millionen von türkisch- stämmigen oder türkischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern in diesem Land in ein Gespräch zu kommen, deren Sentiment anzusprechen und eine emotionale Brücke zu schlagen.

Die Photographie zeigt die Begrüßung Kaiser Wilhelms II. durch Sultan Mohammed V (Mehmed V. Reşad)., Enver Pascha auf dem Bahnhof Sirkeci im Herbst 1917.

Zwar gingen Kriegsende und Zusammenbruch der osmanischen Staatsmacht, die jungtürkischen Machthaber flohen mit deutscher Hilfe aus dem Land, nicht mit einer Absetzung des Sultans einher, dennoch waren die Ereignisse dramatisch: In Übereinstimmung mit dem für das Osmanische Reich am 31. Oktober 1918 in Kraft getretenen desaströsen Waffenstillstandsabkommen von Mudros besetzten die alliierten Truppen die Reichshauptstadt Konstantinopel: Die ersten französischen Truppen zogen am 12. November 1918 in Konstantinopel ein, britisches Militär folgten am 13. November. Italienische Verbände landeten als dritte Besatzungsmacht erst am 7. Februar 1919 am Bosporus. Erstmals seit 1453 standen somit wieder ausländische Truppen in Konstantinopel. Die osmanische Regierung bestand zwar fort, doch die eigentliche Regierungsgewalt wurde von der alliierten Militärverwaltung ausgeübt. Der Sultan, Mohammed VI. regierte seit dem Sommer 1918, blieb an der Spitze des Staates, hatte jedoch kaum noch Handlungsfreiheit.

Die allierten Mächte teilten die Stadt in Sektionen, die sie besetzt hielten, auf und errichteten noch 1918 eine Militär- administration, der die Einführung von Militärgerichten folgte. Gleichzeitig wurden die noch vor Ausbruch des Weltkrieges durch die jungtürkische Regierung abgeschafften Kapitulationen (Abkommen, die die Angehörigen bestimmer ausländischer Nationen unter anderem ausdrücklich von der osmanischen Rechtssprechung ausnahmen) für Briten, Franzosen und Italiener wieder in Kraft gesetzt. Das bedeutete, daß die Angehörigen dieser Staaten nicht für im Osmanischen Reich begangene Delikte vor osmanische Gerichte gezogen und nicht nach osmanischem Recht verurteilt werden durften. Für sie galt einzig die Rechtsprechung ihres Herkunftslandes.

Für Deutsche, Bürger Österreich-Ungarns und Bulgaren bedeutete die Besetzung Konstantinopels durch die Siegermächte des Ersten Weltkrieges die unverzügliche Ausweisung aus dem Land. Unter dramatischen Umständen, bei etwaiger Zuwiderhandlung von Internierung bedroht, mußten sie das Land überstürzt unter Zurücklassung ihrer Habe verlassen. Das Schicksal des Journalisten Friedrich Schrader, der unter anderem seine umfangreiche Bibliothek in Konstantinopel in seiner Wohnung in den heute berühmten Doğan Apartmanı einbüßte, ist nur ein Beispiel in diesem Zusammenhang.

Einzig der seit 1908 amtierende deutsche Hofkapellmeister Paul Lange, der die Musikkapelle des Sultans leitete, durfte bis zu seinem Tod im Dezember 1919 in Konstantinopel bleiben. Er wurde mit einem prunvollen Begräbnis, bei dem der osmanische Hof noch einmal die letzten Reste seines frühreren Glanzes entfaltete, auf dem protestantischen Friedhof in Feriköy beigesetzt. Seine Witwe und die Tochter Isolde wurden dann allerdings im Frühjahr 1920 auf Befehl der alliierten Militärmission ausgewiesen.

Der deutsche Botschafter Graf Johann Heinrich von Bernstorff mußte Konstantinopel im November 1918 ebenfalls verlassen. Die pompöse. Botschaft des Deutschen Reiches, hoch über dem Bosporus gelegen, war verwaist. Die sogenannte Schutzmacht- vertretung deutscher Interessen übernahm bis 1924 Schweden, vertreten durch den königlich schwedischen Botschafter am osmanischen Hof beziehungsweise ab 1923 in Ankara.

Text©Thomas Weiberg, Historiker, Berlin

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