Istanbul – Nah am Arbeitsplatz wohnen und mehr vom Leben haben

Wer in Istanbul lebt und arbeitet, kann ein Lied davon singen. Mit wenig Schlaf, weil man bis tief in die Nacht geklatscht hat, früh aufstehen, sich fertig machen und zur Arbeit fahren. Noch ein Nickerchen in den öffentlichen Verkehrsmitteln, wenn man einen Sitzplatz ergattert hat, oder im vom Arbeitgeber organisierten Zubringerbus, und los geht es. Am Abend dann, so gegen 18 Uhr, nimmt man  die gleiche Route zurück nach Hause. Oft kommt es vor, dass man 1-2 Stunden im Verkehr von Istanbul sein Leben absitzt. Spät und kaputt zu Hause ankommen, sich daran erinnern, dass man Ehefrau bzw. Ehemann und Kinder hat und versuchen zu relaxen, sich von Gästen, die gegen 22 Uhr für einen letzten Absacker-Tee bei dir klingeln, überraschen lassen, ohne Ende quatschen und am nächsten Morgen mit wenig Schlaf wieder aufstehen…

Die arbeitenden Istanbuler haben die 1/3 Phasen, woraus das Leben besteht. 1/3 der Zeit schlafen, 1/3 arbeiten und 1/3 der Zeit im Verkehr stehen. Dass bald 8 Millionen registrierte Arbeitslose im Land lediglich zuhause die Zeit absitzen,  ist eine andere Wahrheit, die man nicht vergessen sollte.

Die Freiräume kann man sich schaffen, wenn man in der Nähe des Arbeitsplatzes wohnt. Darauf hatte ich geachtet, als ich noch ein Büro in Istanbul hatte und dort lebte. Direkt am Wasser, Bosporus immer in Reichweite, so ließ es sich arbeiten. Damit aber nicht genug, auf reine Bürotage habe ist stets verzichtet. Einen Grund von der anatolischen Seite auf die europäische Seite zu fahren, fand ich immer. Von der Wohnung im Stadtteil Moda, wo es erstaunlicherweise mehr Kirchen gibt als die eine Moschee und meinem Büro, ging man 12 Minuten zu Fuß und ging man weiter 10 Minuten runter zur Schiffsanlegestelle Kadiköy (Einmal Kadiköy bitte!) , musste man nur noch in das Schiff einsteigen und den Bosporus genießen. Nur bei den seltenen Minustemperaturen im Winter verzichtete ich auf einen Sitz im Freien.

So sehen die Schiffe, die zwischen den Kontinenten verkehren, aus.

Immer mit den Möwen, die parallel zu den Schiffen uns begleiteten auf Augenhöhe. Diese warteten zumeist darauf, dass man denen kleine Stücke Sesamringe zuschmeißt. So kaufte ich immer zwei Stücke. Ein Sesamring für mich und den zweiten für die Möwen, um mich auf halber Strecke von insgesamt 20 Minuten zu ärgern, dass ich nicht noch einen mehr gekauft hatte, denn die Möwen bekam man nie satt. Lasst Euch gesagt sein, Istanbul können nur Ausländer, oder sagen wir besser, Menschen von Außerhalb genießen. Der Istanbuler sagt: „Istanbul ist die schönste Stadt der Welt“, dass weiß er aber von Erzählungen, denn das hat er irgendwo aufgeschnappt. Richtig genießen können nur ‚wir‘!

Einmal begegnet, wirst du die Möwen von Istanbul immer in Erinnerung haben.

Wenn mir kein Grund einfiel, so hatte ich stets meinen Freund Ali den Wirtschaftsprüfer in Beşiktaş, der den Barbaros Bulvar runter marschierte und mich unten am Markt traf, wo wir zusammen Köfte (in Deutschland bekannt durch Ikea, Köttbullar) essen gingen. Beşiktaş Köftecisi ist stadtbekannt.

https://bit.ly/2vrVW59 Das ist der Link dahin. So nennen sich nämlich viele.

Doppelte Portion, scharfe Soße, ein Ayran (Joghurtgetränk) und Weißebohnensalat. Wer von uns an der Kasse bezahlte,  spielte keine Rolle, denn danach gingen wir zur Konditorei-Mado um die Ecke und nahmen uns  jeweils einen Türkisch-Mokka, für meine griechisch angehauchten Freunde, Griechischen-Mokka und einen Süßen Pudding (Tavuk göğsü)  mit Eis drauf. Das zahlte der, der vorher bei Essen nicht bezahlt hatte. Um das Beisammensein in die Länge zu ziehen, gingen wir noch zum Teestand unter einer riesigen Eiche, vor dem Notar-Büro in Beşiktaş. Die Hocker waren so tief, dass man Angst haben musste, nicht mehr aufstehen zu können. Es ging aber jedes Mal gut.  Es folgte die Verabschiedung und wir gingen wieder arbeiten. Ich verlängerte manchmal meinen Weg. Von Beşiktaş aus nahm ich eines der Motorboote, die schnurstracks geradeaus nach Üsküdar fuhren.

Die Motorboote fahren die identischen Routen wie die städtischen Schiffe, nur in kürzeren Abständen.

Das verlängerte meinen Weg nicht unerheblich. Von dort aus nahm ich den Bus, bei Regen das Taxi und fuhr ins Büro. Da die Nostalgiestraßenbahn an meinem Büro vorbeifuhr, kam es oft vor, dass ich von Kadiköy aus mit der Straßenbahn fuhr.  Schön langsam und sachte.

Vor meinem damaligem Büro in Istanbul.
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