Buzz Aldrin, ich, Gastarbeiter, Muhammed Ali und die Deutsche Sprache

Ein Freund erinnerte mich daran, dass der Astronaut a.D., Buzz Aldrin dieser Tage 90 Jahre alt geworden ist. Der Mond scheint ihm gut bekommen zu haben. Die Mondlandung war für mich etwas ganz Besonderes. Anfang 1968 waren wir mit der Familie wieder mal von Deutschland in die Türkei zurückgekehrt. Die Wohnungseinrichtung aus Deutschland hatten wir mitgenommen. Den Transporteur von damals Tuzcuoglu Nakliyat gibt es heute noch. Jetzt erfahre ich auf deren Website, dass das Unternehmen seit 1893 existiert. Als ein gelber LKW aus der Türkei vor unserer Haustür in Aachen stand, hatte das für die Deutschen auch in etwa den Stellenwert einer Mondlandung. Wir konnten registrieren, dass die Menschen um den LKW herum gingen und diesen bestaunten. Dabei war das ein Magirus LKW aus Deutschland. Wer weiß, evtl. dachten die Gaffer, dass ein ‚Gastarbeiter‘ sich wie ein Gast benahm und die Rückreise antritt. Zu früh gefreut, denn wir kamen drei Jahre später wieder.

In Istanbul Nisantasi wohnten wir unweit meiner Schule. Da fällt mir in diesem Zusammenhang ein, hast du eigentlich mein Buch “Kaltstart X – Wie oft kann man im Leben bei null anfangen?” schon bestellt? Dann mach das! LINK

Miss Turkey 1969, Sermin Aysin

Wir hatten in der Wohnung zwei Fernseher, zu einer Zeit, wo es in der Türkei noch keinen Fernsehsender gab. Es wurden täglich zwei Stunden Testsendungen ausgestrahlt. Nationalhymne zu Beginn, dann eine Stunde lang „Wir lernen Deutsch“ (wurde von ARD oder ZDF der Türkei lizenzfrei zur Verfügung gestellt) und eine Stunde Folklore und Nachrichten. Danach gab es wieder die Nationalhymne und man konnte sich auf den nächsten Tag freuen, wenn es wieder hieß: „Wir lernen Deutsch!“ Wurde damals ein Türke gefragt: „Wie heißen Sie?“ So hießen alle Türken ‚Hans‘. Gelernt ist gelernt. „Mein Name ist Hans!“.

Buzz Aldrin, den hatte ich fast vergessen. Zwei Fernseher in der Wohnung weckten in unserem Vater Pioniersgelüste. Wenn schon die Mondlandung bevorstand, dann sollten die Dener’s zumindest Fernsehsendungen empfangen können. Er fand tatsächlich einen Techniker, der auf unser fünfgeschossiges Gebäude ein 10 Meter Antenne zum Empfang europäischer Sender installierte. Die Antennen hatte unser Vater persönlich in die Türkei geschmuggelt. Zwar nicht gestochen scharf, aber so konnten wir dennoch fast alle europäischen Sender empfangen. So mussten wir auf Hans Kuhlenkampff, Willy Millowitsch, Heinz Erhardt, Rudi Carrell & Co. nicht verzichten. Die Mondlandung konnten wir bei einem ehem. Jugoslawischen Sender empfangen. 16. Juli 1969 landeten die Menschen auf dem Mond und in der Türkei musste noch das Fernsehen entdeckt werden. An dieser Stelle der Hinweis, bitte nicht falsch verstehen. Es ist lediglich eine Feststellung. Im Osmanischen Reich war der Buchdruck einige Hundert Jahre verboten und die Demokratie in der noch jungen Türkischen Republik, mit Meinungsfreiheit u.a. war schon immer recht holprig. Wo sich Menschen nicht frei entfalten und auf Wissen zugreifen können, entstehen Rückständigkeiten. In den Köpfen, wie im täglichen Leben. So eine gewaltige Wissenslücke kann man schlecht schnell aufholen. Heute dreht man das Rad wieder Rückwärts. Weiter im Text! Am darauffolgenden Tag hatte ich in der Schule viel zu berichten. Ich hatte als einziger, wahrscheinlich in der ganzen Türkei, die Mondlandung ‚Live‘ erlebt. Meine Eltern verschliefen die Mondlandung. Meine Mutter stand in der Nacht nur für Muhammad Ali Übertragungen auf, aber nicht für die Mondlandung. Interessant war, dass an dem Tag in der TV-Testsendung der Türkei wieder nur „Wir lernen Deutsch!“ und Folklore gab. Da kann man sehen, wie wichtig die deutsche Sprache ist.  

Ich, 1969 Istanbul
Kaltstart X - Das Buch von Ahmet Refii Dener