Von Knöpfen und Knöpfen

Ahmet Refii Dener erinnert sich an die Schule und an Traditionen. Meine Kolumne aus dem Tagesspiegel von heute.

Bild von Melly95 auf Pixabay

Mein Klassenlehrer in der Grundschule in Istanbul sagte, dass jeder sich ein Land aussuchen und darüber berichten sollte. Da ich in Deutschland schon den Kindergarten sowie die 1. und 2. Klasse der Grundschule hinter mich gebracht hatte, war ich von Hause aus für Deutschland zuständig, sozusagen ein Botschafter h.c.

Damals als Kind war mir nicht bewusst, dass in der Deutschen Botschaft auch Türkisch gesprochen wurde. Also setzte ich einen Brief auf und verlangte Informationsmaterial über Deutschland. Damals nahm ich an, dass so etwas Wichtiges in die Zuständigkeit des Botschafters fallen würde. Ich schrieb: „Sehr geehrter Herr Botschafter “

Nach zwei Wochen wurden fünf Holzkisten aus Ankara angeliefert. So viele Bücher und Drucksachen, dass die ganze Schule und die Nachbarschulen damit versorgt werden konnten. Die Krönung war das Schreiben des Botschafters: „Lieber Ahmet “ Da ich den Brief übersetzte, hätte ich meinen Mitschülern und dem Lehrer auch eins vom Pferd erzählen können, sie hätten mir alles geglaubt. Schade nur, dass wir noch zwei Monate bis zum Abschluss der Grundschule hatten, denn in den Augen meiner Mitschüler, der Lehrer und aller Schulen in der Umgebung war ich vom Botschafter „heiliggesprochen“ worden. Alle blickten zu mir auf.

Apropos aufblicken.

Als am 10. November vor 81 Jahren der Sarg von Staatsgründer Atatürk den Istanbuler Stadtteil Karaköy erreicht, regnet es auf einmal Knöpfe. Viele bunte Knöpfe in allen Größen prallen auf den Sarg, fallen vor und hinter ihn, kullern nach links und rechts. Viele Menschen stehen an den Fenstern und werfen sie hinunter. In kurzer Zeit gibt es ein Meer von lauter bunten Knöpfen.

Die, die Knöpfe werfen, wissen, worum es geht. Die anderen staunen, weil sie so etwas noch nicht erlebt haben. Später klärt sich die Sache auf: Es sind jüdische Türken, die einen Brauch pflegen. Sie reißen die Knöpfe ihrer Hemden und Jacken ab und werfen diese den Toten, die sie verehren, hinterher. „Nach dir bin ich nie mehr wieder ganz“, heißt das.

Ich fragte meinen Freund, den Künstler Heiko David Schaldach, ob er mir zu dieser Geschichte etwas zeichnen könnte. Er fand die Story auf Anhieb gut und es entstand das Bild, das ihr unten anschauen könnt.

Kaltstart X - Das Buch von Ahmet Refii Dener

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