Türkei: 300 Tage lang darf man Arbeitslosengeld beziehen, aber wer darf das?

Der Präsident des Bundes Türkischer Gewerkschaften (HAK-IS) betonte in einem Interview der Zeitung Dünya, dass die Anforderungen zu Erhalt von Arbeitslosengeld erleichtert werden müssten*. Von den 12 Millionen Antragstellern hätten lediglich 7 Millionen einen Positivbescheid bekommen.

Auch sagte er, dass dem Arbeitsamt (ISKUR) eine große Verantwortung zukommen würde, wenn man die Arbeitslosenzahlen bis 2023, wie vorgesehen, auf 5% senken wolle. ARD: Hierzu muss ich bemerken, dass diese Zahl unmöglich zu erreichen sein wird. Damit meine ich nicht 2023, sondern in der Zukunft wird dieses in der Türkei niemals möglich sein. Eigentlich drückt der Präsident des Bundes der Türkischen Gewerkschaften den Finger auf den wunden Punkt selber. Er weist auf die steigende Jugendarbeitslosigkeit und dass man mittlerweile davon abgekommen ist, dieses in Zahlen zu erfassen. Die Situation wäre einfach katastrophal.

Allgemein würde die Zahl der Arbeitsplätze zurückgehen, während gleichzeitig die Arbeitslosigkeit steigt. Die syrischen Flüchtlinge würden ‚schwarz‘ arbeiten. Diese Situation zu legalisieren, würde zumindest zu einer kosmetischen Korrektur führen.

Die Zahl der ArbeitnehmerInnen, die mit Sozialversicherungsschutz im Arbeitsverhältnis stehen, soll sich im letzten Jahr um 500.000 verringert haben.

Ich höre wieder wie einige sagen: „Musst du immer Negatives über die Türkei vermelden?“ Ich drücke den Daumen auf die wunden Punkte und versuche diejenigen, die sagen: „Inschallah, es kommen bald mal auch bessere Zeiten“ davon zu überzeugen, dass man sich täglich davon entfernt. Diese Zeiten werden nicht kommen, nicht wenn man so weitermacht. Bitte nicht falsch verstehen, denn wenn der Prächtige geht, wird evtl. der Anstand zurückkommen, oder die Liebe und Verständnis unter den Menschen, aber nicht der Wohlstand, denn dazu fehlen die Zutaten. Die Zeichen stehen auf Sturm für die Türkei.  

(*) Wer in der Türkei in den letzten 3 Jahren 600 Tage Sozialversicherungsbeiträge gezahlt hat und arbeitslos wurde, bekommt 40% des Durchschnittsbruttulohnes der letzten vier Monate als Arbeitslosengeld. Folglich muss er außerdem 4 Monate am Stück gearbeitet haben, vor der Arbeitslosmeldung. Wenn du das zu gering empfindest, warte ab, es wird besser. Die Höchstgrenze beträgt 1.421 TL und Tiefstgrenze 659 TL (Stand 2018). Wer also eine leitende Position hat und im Monat 10.000 TL und mehr verdient, bekommt bestenfalls ein Arbeitslosengeld von 1.421 TL im Monat. Die neueste Zahl ist aus Februar 2019. So beziehen von den 4,5 Millionen Arbeitslosen nur 654.000 Arbeitslosengeld und das auch nur 300 Tage lang.

Kaltstart X - Das Buch von Ahmet Refii Dener

Das könnte Dich auch interessieren …