Die Freitags Koranlesung der Frauen – Eine Prozedur der besonderen Art

Ob die Koranlesungen von Frauen an allen Freitagen vom Religion her vorgeschrieben sind, weiß ich nicht. Es kann auch eine von den Türken erfundenes Ritual sein, wie so vieles, was im Namen des Islam und Allah’s nur in der Türkei gibt. Ich bin mal in die Vorbereitungen einer Koranlesung der Frauen rein geraten. Die Dame des Hauses legte mir nahe, dass ich einige Stunden später kommen solle, am Mittag gäbe es Koranlesung. Freiwillig wäre ich auch nicht rein gegangen. Türkisch Pizza liebe ich und die Limits, wie viele ich davon auf einmal esse, setze ich, nur 10:30 Uhr Türkisch Pizza Geruch, roch nicht gut, sondern kam mir wie Gestank vor. Alles zu seiner Zeit. Ich wollte darüber berichten und da sah ich, dass meine Facebook Freundin Nicole, die Deutsche ist und in der Türkei lebt darüber berichtete, zumal sie selber alles was dazu gehörte vorbereitete. Hier ihr Text:

Es wird eine Woche lang, geputzt und geschrubbt wie wild, damit am Freitag alles rein ist. Es kommen viele Gäste, wenn Koran gelesen wird. Einen Tag vorher werden dann leckere Speisen vorbereitet, damit die Meute nicht verhungert. Sarma, Börek und Co. (Teigwaren) werden auf schönen Serviertellern drapiert. Kuchen gebacken und Tatli (Süßgebäck) hergestellt.
Früher mussten Mengen hergestellt werden, weil dann wirklich die ganze Nachbarschaft kam, um sich durchzufuttern. Es wurde in enormen Mengen Ayran (Joghurtgetränk) zubereitet oder gekauft und kleine Trinkpäckchen, damit jeder versorgt war.
Heute wird das nur noch bei Beerdigungen so gemacht, die normale Koranlesung findet meist nur noch im kleinen Kreis statt.
Am Cuma günü/Freitag morgens wird dann nochmal penibel alles kontrolliert, ob auch wirklich alles sauber ist, damit die anderen Frauen keinen Grund zum Lästern finden.
Dedikodu/Lästern und Klatsch ist nämlich ein Nationalsport in der Türkei.
Die ersten Frauen kommen gegen 11 Uhr, wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Wenn du nämlich jünger bist und Pech hast, darfst du auf dem Boden platz nehmen. Die älteren Damen sitzen auf dem Sofa oder in dem Raum verteilten Stühlen.
Alle Begrüßen sich eine geschlagene halbe Stunde, bevor es losgeht. Die Hausherrin stellt eine Karaffe Wasser und eine Schale Wasser auf dem Tisch, damit es bei der Lesung durch die Heilige Schrift gesegnet wird.
Dann wird ca. eine Stunde aus dem Koran vorgelesen.
(Erklärung von mir: Da alles in Arabisch ist, versteht vom Hause aus niemand ein Wort.) Meistens, bis zum Gebetsruf am Mittag ist man durch. Alle stürmen in das kleine Bad um die Gebetswaschung vorzunehmen. Die Frauen machen das meistens zu Hause, bevor sie zur Koranlesung kommen. (Wieder eine Erklärung von mir: Wenn die Frauen das nicht zuhause gemacht haben, gibt es im Bad eine Sauerei. Sorry, die Sau geht nicht im Islam. Es sieht halt ganz schlimm aus. Sie heben die Füße hoch in das Handwaschbäcken, wie der Name schon sagt, für die Hände vorgesehen und plitsch, platsch, plitsch, platsch waschen sie die Füße. Das Bad sieht danach entsprechend geküsst aus. Keine trockene Stelle und viel Arbeit für die Dame des Hauses.)

Weiter mit Nicole’s Schilderungen: Dann werden Gebetsteppiche und Gebetsketten verteilt an die, die keine dabeihaben. Es wird gebetet. Jede in der Türkei lebende gläubige Hausfrau hat im Normalfall zehn Stück Gebetsketten, von jeder Sorte ist etwas da!
Nach dem Mittagsgebet wird es dann hektisch, da die Frauen zu Löwinnen mutieren. Die Hausherrin und der jüngere Anhang verteilen, so schnell wie möglich das Essen und die Getränke. Meistens beginnt hier schon eine lebhafte Unterhaltung. Oftmals wird darüber diskutiert, wer die schlechteste Bräutigam hat oder wer schon wieder geheiratet hat, zum zweiten Mal.
Nach dem Essen Laufen dann meist jüngere Frauen mit Kolonya (Kölnisch Wasser) und Servietten durch die Reihen.
Die Frauen plappern munter weiter, bis auf einmal eine aufsteht und geht, ein magischer Moment! Auf einmal springen alle auf und gehen. So wie der Heuschreckenschwarm kam, verschwinden sie auch. Eine himmlische Stille kehrt ein.
Ein Glück, mein Haus ist jetzt mindestens ein halbes Jahr, gegen böse Blicke und Flüche geschützt.

Zumeist geht man jeden Freitag in eine andere Wohnung, bis dann die Runde durch ist. Dann geht es von vorne los.

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