Brotzeit auf türkisch

Meine Tagesspiegel-Kolumne von heute. Ahmet Refii Dener zum Thema Überfluß und seine Liebe zum Fladen.

Sicher weißt Du nicht, dass das meiste Brot weltweit in der Türkei gegessen wird. Während jeder Türke 165 Kilo Brot jährlich wegdrückt, schafft der Deutsche gerade mal die Hälfte.

Als ich zum Essen eingeladen wurde und fragte, ob ich etwas mitbringen könnte, bestellte man zumeist Brot. Sofort überlegte ich, wie viele wir werden würden – mit mir kam ich auf sechs – und holte sicherheitshalber zwei Brote. In der Wohnung angekommen, machte ich es mir zuerst unbequem, indem ich wie üblich die Schuhe auszog und gefühlt nackt da stand. Man nahm mir die Brote schon an der Tür ab und brachte sie in die Küche. Ich sah, dass die Hausbewohner Blicke wechselten, die ich nicht gleich deuten konnte. Beim Essen wusste ich es: Wir hatten nämlich sechs Brote auf dem Tisch.

Nach meiner Ankunft war sofort jemand losgejagt und hatte noch vier Brote geholt. Als man mir zur Suppe etwas Brot reichte und ich dankend ablehnte, sagte die Frau des Hauses: „Dann hätten wir ja ein Brot weniger holen können!“ Wow, dachte ich, pro Kopf ein Weißbrot! Zu 95 Prozent isst man nämlich gewöhnliches Weißbrot. Mehr Volumen als Gewicht. Obwohl. Um den Preis halten zu können, wird das Brot immer leichter und kleiner. Sogar zu Pizza und Nudeln bestellen einige Brot. Na ja, jeder wie er es mag. Aus Deutschland kennt man das Fladenbrot als typisch türkisch.

Fladenbrot vom „Türken“ gehört in Deutschland zum guten Ton und das nicht erst seit gestern. Zumindest ist das in den Gegenden der Fall, in denen viele Türken leben und türkische Geschäfte existieren. Weißt Du, dass man in der Türkei Fladenbrot leider nur zum Ramadan-Monat bekommen kann? Elf Monate im Jahr gibt es kein Fladenbrot.

Ich muss zugeben, an einem heißen Fladenbrot kann ich nicht vorbei. Wenn man mir aufträgt fünf Fladenbrote zu holen, hole ich lieber sechs, einen Bonus-Fladen für unterwegs. Da man schlecht mit einem halben Fladenbrot ankommen kann, biete ich unterwegs jemandem die Hälfte an. „Ich habe es noch nicht angefasst, möchtest du die Hälfte haben?“ (Als ob beim Bäcker nicht schon viele Finger da dran waren …) Dass es das Fladenbrot in der Türkei nur zu Ramadan gibt, daran ist die aufwendige Herstellung schuld. Maschinell funktioniert es nicht, die Ruhezeit auf Tüchern, wegen der Gärungsphase, ist ein Muss. Auch die „Gottlosen“ in der Türkei, wie sie im Islam genannt werden, freuen sich sehr auf den Ramadan. Weil es endlich wieder Fladenbrot gibt.

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