Was denkt der Israeli über den Türken bzw. über die Türkei? – Aus berufenem Munde beantwortet

Weil ich mich dafür interessierte, was der Israeli über den Türken und die Türkei denkt, habe ich mit Arye Sharuz Shalicar, der in Tel Aviv lebt, ein Telefoninterview geführt. Warum ihn und nicht einen anderen, ist schnell erklärt. Es ist in Berlin Wedding zu Schule gegangen und mit Türken und Arabern großgeworden. Die Türken kennt er in und auswendig, sowie er auch die Araber und die Israelis kennt.

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ARD: Hallo Arye, ich möchte dir heute die Masterfrage stellen, was die Israelis über die Türken denken. Was die Türken und türkisch angehauchte Menschen über die Juden und die Israelis denken, weiß man. Kein Raum für etwas Positives. Bei kleineren Problemen könnten die Syrer oder die Araber dahinterstecken, aber wenn es um größere Dinge geht, sind die Schuldigen ausgemacht: Israel oder die USA, oder gleich beide zusammen. Ich kam auf die Idee eine Weltkarte zu nehmen und fragte vor knapp sechs Jahren, als ich Demonstrationen von Türken vor der Israelischen Botschaft in Ankara sah und mich fragte, ob diese Menschen überhaupt wüssten wo Israel und Palästina liegen, 60 Menschen in Alanya, solche die ich mir auf Demos für Palästina und gegen Israel vorstellen konnte: „Wo liegt Palästina?“ 55 von ihnen wussten nicht, obwohl bis auf einen alle die Türkei auf Anhieb fandenWie sollte es auch anders sein, in der Schule konnten wir die Umrisse der Türkei blind zeichnen. . Ein Punktlandung, was Palästina angeht, machten nur zwei.

Also sind die Türken für Palästina und gegen Israel, ohne zu wissen, wo diese auf der Karte zu finden sind. Bevor ich dir einige Fragen stelle, sag uns etwas über dich.

Arye Sharuz Shalicar: Ich bin ehemaliger Pressesprecher der israelischen Verteidigungsstreitkräfte, Politologe, Publizist, Schriftsteller. Meine Eltern sind persisch, deutsch und israelisch.

ARD: Wenn ich dich kurz unterbrechen darf. Ich musste gerade lachen. Persisch, deutsche und israelische Eltern und dann Sprecher der Israelischen Armee. Einer, der deutsche, israelische und amerikanische Abstammung hätte, würde man in der Türkei in die Wüste schicken, aber nichts zum Sprecher der Armee machen. Erzähl bitte weiter.

Arye S. S. : Als Jugendlicher war ich recht aktiv, in jeglicher Hinsicht. So war ich in Berlin der Mitgründer der Graffiti Gang „Berlin Crime“. Im Internet kannst du mehr dazu finden. 1997 machte ich in Berlin meine Abitur, leistete dann meinen Wehrdienst bei der Bundeswehr als Sanitäter und studierte daraufhin Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität sowie Islamwissenschaften, Politikwissenschaften und Judaistik an der Freien Universität in Berlin. 2001 wanderte ich nach Israel aus und meldete mich für den Wehrdienst bei den israelischen Streitkräften (IDF). Seit 2009 bin ich Sprecher der israelischen Armee (immer noch?).

ARD: Eine Frage habe ich zwischendurch. Wie sieht es mit dem Wehrdienst in Israel aus?

Arye S. S. : Also es gibt ein Pflichtwehrdienst von 2,5 Jahren für Männer und 2 Jahre für Frauen. Ausgenommen davon sind ca. 40% der Bevölkerung, die aus Arabern, orthodoxen Juden u.a. bestehen. Einige Hundert Araber melden sich jedes Jahr freiwillig. Du musst wissen, 1/5 der Bevölkerung von Israel machen Muslime aus. Wie ich aus Berlin weiß, wissen die wenigsten Türken, dass das so ist.

ARD: In den sozialen Medien sieht man oft Fotos von jungen israelischen Soldatinnen mit schweren Waffen, die sie auch in zivil tragen. Nicht nur das, die sehen verdammt hübsch aus. Eigentlich eine gute Taktik. Ich bin zwar ein schlechtes Beispiel, weil ich auf niemanden schießen könnte, aber auf so eine hübsche Frau? Ich habe gehört, dass man diese Waffen auch privat zuhause haben darf, so wie in der Schweiz. Bei den hitzköpfigen Türken würde sich die Bevölkerung jährlich dezimieren, wenn das der Fall wäre. Egal, stimmt das mit den Waffen und muss man zwischendurch, wie die Schweizer zur Armee?

Arye S. S. : Ja, eine Waffe darf man, solange man Reservist ist und KampfsoldatIn, bei sich zuhause haben. Diese Personen sind dann für die Waffe verantwortlich und müssen sie wie ihr Augapfel hüten, können diese auch als Zivilisten dabeihaben. Bis man 40 Jahre alt ist, geht man in Abständen 1 Woche oder einen Monat zur Armee und steht unter der Waffe.

ARD: Für mich ist die israelische Armee die beste der Welt, zumal sie immer hellwach sein muss und im Dauereinsatz ist. So kann man nie aus der Übung kommen. Das klingt wahrscheinlich wie Musik in deinen Ohren, wenn ich mit dieser Werbeeinblendung komme.

Arye S. S. : Du hast recht, die israelische Armee ist technologisch und praktisch auf dem höchsten Niveau, zumal in Israel auch viel geforscht und entwickelt wird. Der Israeli geht nicht zur Armee, weil er/sie das muss, sondern aus der Erkenntnis heraus, dass es das Land nicht mehr geben würde, wenn er/sie sie nicht verteidigt. Für unsere eigene Zukunft müssen wir uns einsetzen. Der Jude, der Israeli ist aus einer viel tieferen Überzeugung in der Armee als anderswo. Dennoch, mein Traum ist, dass Israel eines Tages in Frieden leben kann, möglichst mit warmen Beziehungen zu seinen Nachbarn, damit ich und die anderen dann mit Vergnügen die Uniform an den Nagel hängen können.

ARD: Das klingt zu gut und doch so weit entfernt. Unmöglich möchte ich nicht sagen, denn als der Willy Brandt „Good old Willy“ immer wieder sagte, dass die Mauer eines Tages fallen würde, dachte ich auch nie daran. Wollen wir mal hoffen. Weißt du, als ich in Istanbul aufwuchs, hatten wir lauter jüdischer Nachbarn. An Stella, Aaron, Leah, Miriam, David und Noam kann ich mich noch gut erinnern. Damals als ich einem Klassenkameraden sagte, dass ich in Leah verliebt wäre, sagte er zu mir: „Das darfst du nicht sein, sie ist Jüdin!“ Das war das erste Mal, dass ich zur Kenntnis nahm, wie die Menschen tickten. Ganz bitte war es, dass die dann in den Sechzigern auf einmal, mir nichts, dir nichts weg waren. Manche gingen in die USA, andere nach Israel.

Arye S. S. : Ja, danach sehnen sich viele Israelis. In den 90er Jahren hat die Türkei z.B. sehr gute Beziehungen zu Israel gehabt. Wäre schön, wenn man den Stand wieder erreichen könnte.

ARD: Jetzt wo du fast beim Thema bist, was denkt der Israeli über den Türken bzw. die Türkei?

Arye S. S. : Da ich mit den Türken aufgewachsen bin, kann ich sagen, dass die Israelis nicht annähernd so schlecht über die Türken und der Türkei denken, wie das umgekehrt der Fall ist, wobei auch die Israelis nicht viel Positives zu vermelden haben, wenn es um die Türkei geht. Das hat aber in der letzten Zeit mit dem Erdogan zu tun. Obwohl wir wissen, dass er mit den Palästinensern und den Arabern nichts anfangen kann, tut er so, als wäre er deren Freund. Auch wenn gespielt, so kommt das nicht gut an. Der durchschnitts Israeli, der in der Politik nicht bewandert ist, glaubt natürlich das, was der Erdogan sagt und das ist ein gefährliches Spiel. Wenn es auf die Wahlen zugeht in der Türkei, muss er um Stimmen einzufangen, Israel verbal angreifen und das hallt nach und vergiftet das Verhältnis. Dass die Israelis nicht so schlecht über die Türken denken, kannst du schon daran sehen, dass wir in der Türkei Urlaub machen. Es sind nicht wenige, dass ich sagen kann, die Türkei gehört zu den bevorzugten Urlaubszielen der Israelis.

ARD: Das stimmt. Ich kann auch von der anderen Seite auch nur Positives vermelden. Betritt der Israeli den türkischen Boden und bereits die Türkei, spielt die Herkunft keine Rolle mehr. Hin und wieder sagt man „Das ist eine israelische Reisegruppe“, das aber auch nur völlig neutral. Da merkst du, wenn die Politik die Menschen nicht aufheizen würde, sind wir von einer guten Beziehung nicht weit entfernt. Ich habe dich unterbrochen, als du deinen Werdegang erzähltest.

Arye S. S. : Ich war auch in der Türkei, in Istanbul auch. Eine tolle Stadt. Ich bin mit Döner große geworden und weiß, wie viele Israelis das auch wissen, dass die türkische Kultur etwas Großartiges ist. Nur die Chance es zu kosten, bleibt an politischen Verwicklungen hängen.

ARD: Welche Erfahrungen hast du in Deutschland mit Antisemitismus gemacht? Was sagst du denen, wenn du sie auf den rechten Weg weisen möchtest?

Arye S. S. : Das ist schwer jemanden, dem dieser Hass von klein an eingeimpft wurde, wie du auch sagst, neu zu initialisieren. Ich habe mich als Jude geoutet, ohne zu wissen, was ich da tue, da war ich 13 Jahre alt. Dabei hatte ich nicht einen einzigen jüdischen Freund in Berlin. Ich hatte beste Freunde unter Türken, Arabern, auch Inder z.B. und als ich denen offenbarte, dass ich Jude bin, brachen sie mit mir. Ich habe aber auch türkische und kurdische Freunde gehabt, die nicht so extremistisch erzogen worden, die mich verteidigten, wenn andere mich schlagen wollten.

ARD: Ich kann dich insofern sehr gut verstehen, weil ich allein wegen meinem Verständnis für Israel und die Juden als „Judenfreund“ „Scheiß Jude!“ etc. beschimpft werde. Da kann ich ganz gut verstehen, wie schlimm das bei dir gewesen sein muss. Weißt du, wie ich das mache? Ich gebe dem Judenhasser ein Blatt Papier und Stift und sage ihm „Schreib auf, was du in diesem Leben an Mehr hättest, wenn es die Juden nicht gäbe?“ Da ist Ende. Das macht die Menschen wütend, dass sie nicht argumentieren können, ob die verstehen, dass dieser Hass eingeimpft ist, weiß ich nicht.

Arye S. S. : Es ist ein schwieriges Unterfangen, was von heute auf morgen sicher nicht gehen wird. Wir müssen daran arbeiten und nicht aufhören. Schließlich spielt sich alles in den Köpfen ab.

ARD: Ich danke dir. Für meine Leserschaft noch die Links zu deinen Büchern. Das erstere wird bald verfilmt hast du gesagt. Das muss ein tolles Gefühl sein. Ich bin gespannt. Ich wünsche dir schöne Zeiten in Tel Aviv und Israel. Langes Leben, Glück Auf!

Nachdem ich das Interview abgetippt habe, schickte ich es ihm, damit er streichen oder ergänzen kann. Ich will ja schließlich zu irgendwelchen Verwicklungen zwischen Israel und der Türkei beitragen, dachte ich mir.

Folgender Dialog fand noch per Whatstapp statt:
ARD: Arye, sagst du mir, ob der Text so okay ist.

Arye Sharuz Shalicar: Einige kurze Anmerkungen

Ich habe in Israel BA und MA Studiengänge an der Hebräischen Uni in Jerusalem abgeschlossen. In Internationale Beziehungen, Mittlere Ost Studien, Europastudien. Ich bin seit 3 Jahren raus aus der Armee. Ich war Major.

Arye Sharuz Shalicar: Reservedienst macht jeder/jede anders – je nach Einheit.

Es gibt welche die keinen machen. Welche die wenige Tage machen. Welche die bis 1 Monat im Jahr machen

Arye Sharuz Shalicar: Heute bin ich beruflich Abteilungsleiter und Berater des Außenministers Israel Katz.

Arye Sharuz Shalicar: Bitte erwähn meine Autobiographie die verfilmt wird und mein neues Buch “DER NEU-DEUTSCHE ANTISEMIT”. Ergänze wenn du möchtest, oder nicht, auch ok.

Arye Sharuz Shalicar: Ich vertrau dir. Du brauchst es mir nicht mehr schicken Großer.

Im Nachhinein muss ich überlegen, dass mit „Großer“, hat er sich jetzt auf mein Alter bezogen? 😊

Gerade war ich am Grübeln, da schickt er per Whatsapp noch folgende Mitteilung.

Arye Sharuz Shalicar: Meine Tante Osar hat mich gebeten sie nach Hause zu fahren….also Fußball fällt aus.

ARD: Grüße sie von mir unbekannterweise.

Ihr seht, Perser, Deutscher, Israeli, Graffiti Junky, Soldat der israelischen Armee, Major, Akademiker, Berater des Außenministers und am Ende fährt er Tante Osar nach Hause. 🙂

Öffne dein Herz, versuch die Menschen mit deinem Herzen zu sehen und du wirst merken, wir sind eins. Glück Auf Freunde!

Die erschütternde Autobiografie von Arye Sharuz Shalicar wird jetzt verfilmt.

Aktuell! “Der neu-deutsche Antisemit: Gehören Juden heute zu Deutschland? Eine persönliche Analyse” 

Als Major der israelischen Armee
Arye Sharuz Shalicar
Kaltstart X - Das Buch von Ahmet Refii Dener

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