Schwere Sprache

Mein Beitrag aus dem heutigen Tagesspiegel. Über die Fallstricke im Deutschen.

Sie können aber gut Deutsch, wo haben Sie es gelernt?“ Die naheliegende Antwort wäre: Deutschland. Aber würde sich mein Gegenüber vielleicht verhöhnt fühlen? Das Problem war, von wem mir diese Frage gestellt wurde. Denn erst durch seine Nachfrage wurde ich unsicher. Sollte ich sein Deutsch beziehungsweise dieses eine Wort korrigieren?

Es ging um einen geschäftlichen Termin. Ich hatte dem Mann ein Angebot gemacht, woraufhin er fragte: „Wie lange ist die Obduktionszeit?“ Sind das die Nebenwirkungen des deutschen Fernsehens, in dem zwei Drittel der Filme Krimis sind? Sogar bei einem Geschäftstermin denkt der Typ an eine Obduktion!

Ich versuchte seine Frage gerade zu biegen und fing innerlich an, zu konjugieren. „Ich obduziere, du obduzierst, er/sie/es obduzieren “ Nein, es haute einfach nicht hin. Entweder verwechselte er das Wort oder er benutzte es zum ersten Mal und dann falsch. Oder er hatte sich versprochen. Oder er war verwirrt.

Während mir im Bruchteil einer Sekunde diese Fragen durch den Kopf schossen, legte er nach. „Die Obduktionszeit ist nicht unwichtig, zumal ich meine Partner der Geschäftsleitung noch damit konfrontieren muss.“ Diese Feststellung hatte Sinn, die hörte ich in den Krimis auch sehr oft: Entscheidend sind die ersten 24 Stunden. Wenn bis dahin der Tatverdächtige nicht gefasst ist, wird es immer schwieriger, ihn zu kriegen.

In diesem Augenblick betrat der Mitgeschäftsführer den Raum. „Gut, dass Sie kommen Herr Müller, gerade habe ich Herrn Dener gefragt, wie die Obduktionszeit seines Angebotes ist.“ In diesem Moment wurde mir klar, dass er das Wort „Option“ mit „Obduktion“ verwechselte.

Im Augenwinkel konnte ich sehen, wie irritiert Herr Müller war. Was gab sein Kollege da von sich? Er wollte die Situation retten und sagte lachend: „Sie haben sich versprochen, Sie haben Obduktion gesagt statt Option.“ Unser beider Lachen dauerte nicht lange, weil unser, ich nenne ihn mal „Pathologe“, nicht mitlachte.

Beleidigt? Oder kannte er das Wort „Option“ wirklich nicht? Ich rettete die Situation indem ich sagte: „Sie hätten dann zwei Wochen Option!“ Geschäftsführer Müller war sichtlich erleichtert, dass ich die Sache in die richtige Spur brachte. Ich denke nach dem Termin dürfte Herr Müller seinen Kollegen erst mal schön obduziert haben.

So ist das mit dem Leid der Menschen mit Migrationshintergrund, die besser Deutsch können, als so mancher nativer Deutscher.

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