Märtyrer wird man erst mit der richtigen Religion

Tagtäglich kommen die Meldungen über Soldaten, die in der Türkei (durch Kugeln der PKK & Co. in Ost-Anatolien) und in Syrien ihr Leben lassen mussten. Fast immer spielen sich dann identische Szenen in türkischen Medien ab. Eine aus ärmlichen Verhältnissen stammende Familie bekommt die Todesnachricht des gefallenen Soldaten, des Sohnes, und es dauert nicht lange, dann sagt die Mutter oder der Vater vor laufenden Kameras: „Vatan için feda olsun!’

Sinngemäß heißt es: „Gerne haben wir ihn für die Heimat geopfert!“ Sagt man das in der Trauer, oder warum sagt man so etwas? Der Sohn, dein ein und alles, das Kostbarste was du hast, zwanzig Jahre und länger hast du alles für ihn getan, damit er soweit ist, dass er auf seinen eigenen Füßen stehen kann und dann der obige Spruch. Wenn der Sohn das noch hätte hören können, würde er fragen: „Das kannst du doch nicht ernst meinen, Mutter/Vater, oder doch?“

Wenn die Existenz der Nation nicht in Gefahr ist, ist der Krieg reiner Mord!”

Was bleibt den Eltern anderes übrig als am Ende stolz zu sein, dass man ihren Sohn Märtyrer nennt. Alle türkischen Soldaten die Moslems sind, erreichen mit dem Tod diesen Status. Selbst wenn sie nachts in den Schlafräumen schlafen und einen Herzanfall bekommen, sind sie ein Märtyrer.

Ein Held der Nation kannst du nur als Moslem werden

Oft hörte ich, dass nur Moslems zu Märtyrern werden könnten, aber nicht z.B. die Armenier und die Juden, die in der türkischen Armee dienen. Ein Admiral a.D. (92 Jahre), ein Verwandter, verhalf mir zu einem hochrangigen Gesprächspartner, der mir meine Frage beantwortete. Auch wenn unser Verwandter die Antwort wusste, wollte er sicher gehen, dass sich seit seinem Austritt aus der Armee nichts verändert hätte. Tatsächlich ist es nirgendwo niedergeschrieben, dass die jüdisch- und armenischstämmigen u.a. nicht zu Märtyrern erklärt werden können.

Doch ist der Einfluss der Gesellschaft auf die Armee und die Offiziere so groß, dass sie im Sinne der Mehrheit handeln. Um solche Situationen zu vermeiden, dass ein toter türkischer Soldat in der Synagoge, in der Kirche oder in einem anderen Gotteshaus beerdigt werden muss, schickt man nur Moslems an die Front.

Auch mit der Gleichbehandlung in der Armee scheint es nicht weit her zu sein. Besonders gut, kann man das dem Buch von Rıfat N. Bali “Gayrimüslim Mehmetçikler” „Die nichtmoslemischen türkischen Soldaten“, entnehmen.

Dass die Soldaten in Eintracht zusammenlebten ist ein Mythos, der nicht stimmt, schreibt er. Diese Menschen (jüdische, armenische Soldaten u.a.) hätten ein Trauma erlebt und fürchteten weitere Repressalien. Es hätten sich ca. 80 gemeldet, die bereit waren, über ihre Erlebnisse bei Militär zu erzählen, schreibt er. Die meisten waren Juden und wenige Armenier. Die armenischen Soldaten hätten ihre Probleme mit 1915. Sie gehen zum Militär und bekommen mit, wie gegen die Armenier Front gemacht wird.

Die Propagandamaschinerie läuft. (Erkl.: Damals zahlte ich 5T Euro (10.000 DM) und leistete einen zweimonatigen Wehrdienst. Was mir aus der Zeit haftengeblieben ist war, dass der Kommandeur als erstes sagte: „Der einzige Freund des Türken ist der Türke“ und dass alle Nachbarn den türkischen Boden am liebsten besetzen würden. Deshalb ist man vorbeugend in Syrien einmarschiert.) In der Türkei wird die Ableistung der Wehrpflicht als ‚Abgeltung der Vaterlandsschulden‘ betitelt. Oft habe ich mich gefragt, was für Schulden ich gegenüber dem Staat haben könnte, wo er mir doch nur Steine in den Weg gelegt hat.

Wisst Ihr wie viele Türken in Deutschland der Heimat „Ade“ sagten mussten, weil sie sich nicht vom Wehrdienst freikaufen konnten? Sie bekamen die 10.000 DM damals nicht zusammengespart, um 2 bzw. später einen Monat Wehrdienst abzuleisten. Die Alternative wäre 18 Monate, aber kostenlos. Dazu hätten sie aber dem Job und Deutschland „Ade“ sagen müssen. So blieben sie lieber in Deutschland. Beim Versuch in die Türkei einzureisen würden sie sofort zum Wehrdienst abgeführt werden.

Ein Märtyrer bist du nur, wenn die richtige Religion hast

Das Märtyrertum ist mit dem moslemisch sein verknüpft. „Stimmt, sie sind für das Vaterland gestorben, aber sie sind keine Märtyrer“ hört man oft in der Türkei. Als vor Jahren in Izmir bei einem Terroranschlag ein Finanzbeamter zum Opfer wurde, erlebte ich, wie er als Märtyrer tituliert wurde und einen mit einer türkischen Flagge umwickelten Sarg zum Begräbnis bekam. Man(n) muss also kein Soldat sein, es reicht, wenn man im Staatsdienst und Moslem ist und durch eine Waffe ums Leben kommt.

Zurück zum Autor und sein Buch. Er schreibt, dass das Gleichheitsprinzip in der türkischen Gesellschaft nicht existiert. Es gäbe nur Moslems und Nichtmoslems. Seltsam, dass dann die Nichtmoslems nicht gleichbehandelt werden. Ümit Özdag, ein türkischer Politiker, Professor, Politologe und Journalist beschreibt in seinen Memoiren eine Szene aus seiner Militärzeit. Er stellt es voller Stolz heraus. Der Offizier sagt vor dem Mahl „Herrgott (Tanrım) ich danke dir!“ und wird von Özdag, der einen höheren Rang inne hat, ermahnt: „Mein Allah, ich danke dir! Heißt das!“ Eigentlich ist das nicht Konform mit der Sichtweise der Armee, aber diese Menschen geben nichts anderes her, sie können nicht anders, es steckt in ihnen.

Gleich ist nur der, wer Moslem ist.

Was die Mehrheit denkt, lenkt das Handeln des Staatsoberhaupts. Beim türkischem Militär müssten eigentlich alle gleichgestellt sein, egal welcher Konfession sie angehören. Nur ist das nicht der Fall. Die Mehrheit denkt nicht so, und wie die Mehrheit bzw. die Gesellschaft gepolt ist, so agieren auch die Militärs. Gleich ist nur der, wer Moslem ist. Die Türkei hat die Europäische Menschenrechtskonvention 1950 mitunterschrieben. Was da drin steht ist bekannt, nur mit der Umsetzung hapert in der Türkei es gewaltig. Und das auf allen Ebenen.

Der Autor beschreibt, wie schwer es die Armenier und Juden in der türkischen Armee haben. Sie müssen sich beweisen und rechtfertigen für Dinge, die sie nicht zu verantworten haben. Eigentlich müssten sie sagen: „Ich bin türkischer Soldat, mich interessieren Themen um Armenien oder Israel nicht!“. Es wird aber immer wieder wohl aufs Neue weitergebohrt.

Berührungsängste und Vorurteile können so nicht abgebaut werden. Wie denn auch? Knapp über 80 Millionen Menschen leben in der Türkei und gerade mal ca. 200.000 sind Nichtmoslems, die versuchen, sich nicht zu erkennen zu geben. Wie soll da ein Dialog stattfinden und zu einem befriedigenden Ergebnis und Harmonie führen?

Kaltstart X - Das Buch von Ahmet Refii Dener

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