In München, an der türkisch-syrischen Grenze

Die letzten Tage des Goldenen Oktobers wollte ich mit meiner Familie in München verbringen. Da wir mit dem Auto fahren wollten, war lediglich die Übernachtung zu organisieren. Wie üblich war die Buchung Online schnell realisiert. Die Bewertungen über das Boardinghouse waren bis auf wenige Ausnahmen, sehr gut. Nun gut, vertan hatte ich mich schon etwas. Die Punktzahl von 9,1 Punkten von 10 möglichen, war für die Qualität des kostenlosen WLAN und nicht für die Unterkunft (7,0).

Außerdem, egal wie es kommt, die eine Nacht würden wir schon überleben, dachte ich. Nach einem tollen Samstag, beim blauem Himmel und Sonnenschein, die wir in München verlebten, fuhren wir zu unserer Unterkunft. Bekanntlich gibt es viele Herbergen in Industriegebieten. Minimalistisch mit dem nötigsten ausgestattet, sauber und günstig. Laut Navi musste ich noch einmal links abbiegen und schon wären wir da.  Ein großer Mercedes, mit einem böse blickendem bärtigem Fahrer, gestikulierte mit den Händen, dass ich ihm den Weg frei machen sollte, damit er durchkam.

Lippenlesen kann ich zwar nicht, aber dass was er sagte, war unschwer als „Fuck you!“ auf Türkisch zu erkennen. Gerade dachte ich „Moment junger Mann, nicht so hastig“, denn nichts anders hatte ich vor, als rückwärts zu fahren, um ihm den Weg freizumachen. Obwohl, bei reiflicher Überlegung hätte er den Weg für mich freimachen können. Nein, das war nicht möglich, denn er hatte mir den bösen Blick und den dunklen langen Bart voraus. Also hatte er die stärkeren Argumente. Doch schon stieg er aus dem Wagen aus und kam auf uns zu.

Ich musste schnell entscheiden, in Deckung gehen, bevor er eine Waffe rausholt, oder … Ich machte mich klein, ja winzig (so gut es geht bei meiner Körpergröße) und ließ ihn spüren, dass er der King ist, der König der Zuhälter wahrscheinlich. Meine beruhigenden Handbewegungen zeigten Wirkung. Er stieg in sein Auto ein und fuhr weg. An der Stelle ging es schon los mit dem unguten Gefühl. Stillschweigend schauten meine Frau und ich uns an und sagten uns mit unserem Blicken tausend Dinge. Schweigend sagte sie: „Wo hast du uns nur hingebracht?“ Schweigend antwortete ich: „Woher hätte ich das wissen sollen?“

Um uns war ein riesiges U – förmiges Gebäude. Alle Zimmer waren belegt und überall brannte Licht. Der Zeiger für den Geräuschpegel war, auf der nach oben offenen Skala, im Kreis heftig drehend. Das meiste was wir sahen, waren orientalische Männer in Unterhemden, die sich in ihren Zimmern sichtlich wohl fühlten. Ich ging zur Rezeption und holte unsere Magnetkarten. „Das Hotel ist ja riesig!“, sagte ich, um mich etwas abzulenken und zu beruhigen. „Ja, wir haben 398 Zimmer!“ sagte die Rezeptionistin, wahrscheinlich die einzige Angestellte im Haus. Im Eingangsbereich war es so laut, dass man denken könnte, beim Fußballspiel Irak gegen Syrien gelandet zu sein.

Es war ersichtlich, dass die Flüchtlinge über die Hälfte der Zimmer belegten. Wahrscheinlich von der Stadt bezahlt. Sofort schoss es mir durch den Kopf. Der „Prächtige“ (Erdogan), war auf Verdacht in Syrien einmarschiert, ohne dass die Syrer die türkischen Grenzen angegriffen hatten. Was würde passieren, wenn diese Männer erfahren würden, woher wir stammten? Bestand die Gefahr, dass sie tief in der Nacht bei uns ins Zimmer einmarschierten? Einen Grund mussten sie ja nicht haben.

Die Rezeptionistin schaute auf meinen Personalausweis und fragte: „Sind Sie aus der Türkei?“ Es wurde still um mich herum, zumindest sank der Geräuschpegel merklich. Einige hatten mitbekommen, was mich die Dame fragte und wartete auf die Antwort. Meine Antwort darauf war ein Lächeln. Ich merkte, damit wir Freunde werden, hätte ich Arabisch können müssen und stundenlang erzählen, dass der „Prächtige“ auch in meine Welt einmarschiert ist.

Ich machte mir bewusst, dass ich in München war und nicht in der Pufferzone an der syrischen Grenze. Als wir in die hell erleuchtete Tiefgarage einfuhren, um zu Parken, schaute ich stillschweigend meine Frau an und dachte: „So hell wie das hier ist, könnten wir auch im Auto schlafen, oder in ein anderes Hotel gehen.“ Sie antwortete stillschweigen: „Idiot, warum hast du nicht besser recherchiert!“ Der Aufzug kam. Wir stiegen auf -2 ein, fühlten uns aber im Erdkern. Die Hitze könnte man förmlich spüren. Damit nicht genug: „Moment, wir wolla mitfahre!“ Es stiegen drei Männer mit zwei Frauen des horizontalen Gewerbes ein. Der Aufzug hielt nach knapp einer Sekunde im Erdgeschoss an.

Es muss Reflex gewesen sein, denn wir drei stiegen sofort aus. Die Horizontalinformantin sagte, dass wir noch nicht auf der 5. Etage wären. Eigentlich war das uns dreien auch klar. Am liebsten hätte ich gesagt: „Fahren sie ruhig, der nächste Aufzug kommt in drei Minuten!“. Im Aufzug wurden wir beäugt, so, dass wir davon Brandflecken auf der Kleidung hätten bekommen können.

Die Rezeptionistin hatte gesagt: „Sie haben Glück, zu dritt haben sie ein Vierbettenzimmer. Sie können sich aussuchen, welche Betten Sie benutzen möchten.“ Erstaunlicherweise entschieden wir uns alle für das eine Bett, weil es am saubersten wirkte. Ich kam mit wissenschaftlichen Erklärungen, wie sich das mit den Bettmilben verhielt. Milben sind eine Unterklasse der Spinnentiere im Stamm der Gliederfüßer. Mit etwa 50.000 bekannten Arten in 546 Familien sind sie die artenreichste Gruppe der Spinnentiere. Da zu ihnen die kleinsten Gliederfüßer gehören, ist davon auszugehen, dass viele Arten noch nicht entdeckt wurden.

Da setzte ich an und sagte, dass wir ja vielleicht das große Glück hätten, Bekanntschaft mit neuen Arten zu machen. Nein, so etwas sagte ich natürlich nicht. Ich sagte lediglich: „Wie sauber die Betten in Hotelzimmern sind, kann man sowieso nicht feststellen, hier oder woanders.“ Sofort machte ich die beiden großen Fenster auf, um den Zigarettengeruch aus dem Zimmer loszuwerden. Die Geräuschkulisse war die eines orientalischen Bazaars. Jeder hörte seine Lieblingsmusik in voller Lautstärke. Dann übertönte aber eine Musik alle anderen. Wir dachten „Welch ein Glück, Phil Collins hat einen Liveauftritt!“ Viele kämpften nicht dagegen an und schalteten ihre Musik aus. Der gute Phil sorgte für eine kurzzeitige Erholung. In der Zeit sicherten wir das Zimmer ab. Meine Frau stellte einen Stuhl vor die verriegelte Tür. Ich übernahm die erste Wache.

Nein das nicht, aber ans Schlafen war nicht zu denken. Im Nebenzimmer war Donna Summer und sang gefühlt horizontal „Love to Love You Baby“. Ich weiß, sie weilt nicht mehr unter uns aber, sie war an diesem Abend überall. Die Zeitumstellung konnte ich live miterleben. Das dürfte der Grund gewesen sein, dass ich diesmal keinen Jetlag bekam.

Auf Wunsch erzähle ich noch den Rest. 🙂 Morgens ging es nur unserem Sohn gut. Die Nacht verlief laut, aber ohne besonderen Vorkommnisse. Es gab für jeden nur ein Mini-Handtuch. Welche Ecke davon, zum abtrocknen welcher Stelle des Körpers war, mussten wir selber herausfinden. Ach ja, am Vorabend freute ich mich auf die Fußball Bundesliga. Der Fernseher stand in einer Ecke des Raumes auf dem Boden und die Fernbedienung? Wahrscheinlich im Nebenzimmer. 🙂 Die Aufzüge kamen nicht. Also sagte meine Frau, dass sie auf dem direktesten Weg zum Parkhaus gehen würde. Ich ging zur Rezeption. Zum Glück hatte ich vorher schon bezahlt. So musste ich nur die Magnetkarten dahin schmeißen, denn die Rezeption war nur von 10 bis 12 Uhr Vormittags besetzt und wir hatten 8 Uhr. Nur weg da!

So wurde das Hotelzimmer beworben.
Der Fernseher stand auf dem Boden und die Fernbedienung war wahrscheinlich im Nebenzimmer.

Soll-Zustand Leselampe

Ist-Zustand Leselampe

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