Der türkische Fußball – Wenn die Ausgaben das vierfache der Einnahmen betragen

Der türkische Fußball liegt am Boden. Damit meine ich nicht die Erfolge und Niederlagen der türkischen Nationalmannschaft. Gemeint sind die Fußballvereine der höchsten türkischen Liga, der Süperlig.

Die Mannschaften sitzen von groß bis klein in der Schuldenfalle. Die finanzielle Lage der Vereine auszuloten ist sogar für den Anhänger zu einer Sportart mutiert. Wie sollte sonst ein Website wie futbolekonomi.com (fussbalwirtschaft.com die Übersetzung) eine Existenzberechtigung haben?

Der Gründer des Portals Tugrul Aksar hat auf die Fragen des Journalisten Veysel Agdar geantwortet, wie es um den türkischen Fußball finanziell steht und ob es noch ein Ausweg aus der Schuldenfalle gibt. Das Interview habe ich unten sinngemäß übersetzt und zusammengefasst.


Wie groß ist der Markt in der Türkei und in Europa?

Laut einem Bericht von Deloitte ist der Fußballmarkt in Europa 28,4 Milliarden groß. Die Türkei zeichnet für 738 Millionen Euro und macht somit 2,5% des europ. Fußballs aus. Somit steht die türkische Fußballliga an 7. Stelle in Europa.

Wie hoch sind die Vereine verschuldet und hat man diese Schulden noch im Griff?

Die Liga hat 14 Milliarden TL Schulden, dass sind ca. 2,3 Millarden Euro. Leider kann man diese Schulden nicht mehr lenken und überblicken.

Warum sind die türkischen Vereine so hoch verschuldet?

Der türkische Fußball ist in einer ausweglosen Lage. Wie wir bis zu diesem Punkt gekommen sind, kann ich Ihnen erklären. In den letzten 20 Jahren waren die Umsätze vordergründig. Der Fußball wuchs umsatzmäßig, nur die Führungsetagen konnten nicht führen und ließen die Dinge schleifen. Im Jahr 2000 erzielte der türkische Fußball 150 Mio. Euro Einnahmen. Diese sind mit 738 Mio. Euro um das vierfache gestiegen, nur die Verschuldung um das fünfzehnfache.

Das Wachstum und das Weiterkommen wurde durch mehr Schulden realisiert (Anmerkung: Wie in der türkischen Wirtschaft allgemein. Konnte man sich verschulden, wuchs die Wirtschaft. Wachsen auf Pump.)

Wo führen die falschen finanziellen Entscheidungen den türkischen Fußball hin?

Die Situation ist eindeutig. Der Fußball steht vor dem Abgrund. Mit den eigenen Möglichkeiten kommt man da nicht mehr raus. So wird auch der Erfolg ausbleiben. Wenn die Einnahmen die Ausgaben nicht decken, wie wollen sie sich da dauerhaft weiterentwickeln?

Fenerbahçe, Galatasaray und Beşiktaş ziehen auch bei der Verschuldung die Spitze. Wie bewerten sie das?

Sie alle lassen an Disziplin fehlen, in jeglicher Hinsicht. Wie kann man sich weiter verschulden, wenn die Ausgaben das vierfache von den Einnahmen ausmachen und das Jahr für Jahr. Das ist Disziplinlosigkeit pur und kann nicht akzeptiert werden.

Der Bankenverband hat einer Umschuldung der Vereine zugestimmt. Wie nützlich ist das?

Das ist ein Skandal, wie die Vereine und die Banken mit der Öffentlichkeit umgehen. Die Details behalten sich die Beteiligten für sich. Wie viel ist umgeschuldet worden, zu welchen Bedingungen und Zinsen, zu welchen Laufzeiten und vor allen Dingen, mit welchen Sicherheiten. Denn diese Werte im Rahmen der Gesamtverschuldung, besitzen die Vereine nicht. (Anmerkung: Nicht mehr. Denn früher zehrten die Vereine von Grundstücken und Immobilien, die sie besaßen. Außerdem sind die genannten Vereine u.a. an der Börse. Schon aus diesem Grund müssten alle Details der Öffentlichkeit gelangen. Geschieht aber nicht und alle schweigen.)

Diese Kredite müssen irgendwann zurückbezahlt werden, schließlich geht es hierbei nicht um Schenkungen. Aus welchen Mitteln soll das geschehen. Weitere Schulden machen kann nicht die Lösung sein.

Setzt die türkische Fußballliga ‚Süperlig‘ auf den Staat?

Das Süperlig wird über die Glücksspiele und die darüber erfolgten Steuereinnahmen vom Staat subventioniert. Die Einnahmen über die Fernsehlizenzen reichen bei weitem nicht aus. In bestimmten Abständen erfolgen Steueramnestien, die Sozialversicherungsabgaben bzw. – Schulden werden gestrichen. Das sind ebenfalls Subventionen. Der Konkurrenzkampf bleibt somit ebenfalls auf der Strecke. Wie will man sich weiterentwickeln, wenn man auf Hilfen des Staates hofft. Der fehlende Konkurrenzkampf macht die Liga uninteressant für ausländische TV-Sender. Die Spiele können nicht ins Ausland verkauft werden. Das quittiert auch der türkische Zuschauer. 2018 betrug der Zuschauerdurchschnitt pro Spiel 14.000.

Sie sagen, dass der türkische Fußball auf allen Ebenen krankt, auch in der Nachwuchsförderung. Was ist der Ausweg?

Wenn Ihr Ziel nur den Tag zu retten ist (Anmerkung: So handelt auch der Prächtige und sein Chaosorchester.) Die Entwicklungen in Europa werden nicht verfolgt, jeder versucht in dem vorhandenen System im türkischen Fußball zu bestehen. Ein Konkurrenzkampf mit dem Ausland gibt es nicht. (Anmerkung: Genau so wird die Türkei geführt. Bei Wirtschaftserfolgen die man nennt, vergleicht die Türkei sich immer mit sich selbst. In der Zeit zieht die Welt davon.)

Ein Mitschuldiger ist der Fußballverband der Türkei (TFF). Hier müssten die Kontrollmechanismen besser funktionieren. Davon ist aber der Verband weit entfernt. Alte Köpfe bedienen ein älteres Model an Führungsstil.

Was sagen Sie zum Financial-Fairplay? Nützt oder schadet es den Vereinen?

Der Türkische Fußballverband hat alle Lenkungsinstrumente, nur müsste sie sie nicht nur bedienen, was sie nicht einmal tut, aber wenn, dann richtig bedienen. Dass es nicht funktioniert sieht man besonders gut daran, dass der türkische Verband die Mannschaften für die UEFA lizenziert und prompt die UEFA eingreifen muss, um die Lizenzen einzuschränken bzw. für ungültig zu erklären. Den Entscheidungen des türkischen Fußballverbandes folgt fast immer die Absage der UEFA. Financial-Fairplay ist eine gute Sache, nur auch hier haben die Vereine und der Verband den Dreh raus. Es wird viel Kosmetik betrieben mit den Zahlen.

Auf der anderen Seite funktioniert das Financial-Fairplay ebenfalls nicht mehr richtig. Damals war der Grundgedanke, den schwächeren Vereinen die Möglichkeit zu geben, sich mit den stärkeren messen zu können. Bei den Finanzen sollte besonders den großen Ligen auf die Finger geschaut werden. Das ist nicht mehr der Fall. Die Großen können zumeist schalten und walten und bei den Kleinen werden die Schrauben angezogen, dass sie bei neuen Käufen nicht mehr gesund handeln können. Allein der Transfer von Neymar von Barcelona nach Paris widerspricht komplett den Financial-Fairplay-Kriterien. Was war? Man schwieg.

Wie kann man den türkischen Fußball retten?

Derzeit scheint dies nicht möglich, weil man immer noch versucht den Tag zu retten. In erster Linie müsste die Süperlig AG gegründet werden. Die Gesellschafter müssten alle in der Süperlig vertretenen Vereine sein. Der Verband sollte nur organisatorische Aufgaben übernehmen und sich vom Restlichen zurückziehen. Die Finanzkontrollen müssten strenger sein. Die Vereine sollten ein Finanzpool bilden, über die sie sich verschulden könnten. Dieses wäre viel transparenter als die momentane Situation, wo man alles Finanzielle in Zusammenhang mit den Umfinanzierungen geheim hält. Den Präsidenten sollte nicht so viel Macht eingeräumt werden. Die Vereine sollten, wie in der freien Wirtschaft, von Profis gelenkt werden. Der Staat sollte sich komplett raushalten und aufhören zu subventionieren.

Quelle: Dunya-Online

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