Das Salz des Lebens

Meine Kolumne aus dem Tagesspiegel von heute. Ahmet Refii Dener über Erdbeben, Erwartungen und das Ende. Würde man in der Türkei fragen, was unbedingt auf den Esstisch gehört, würde der Salzstreuer wahrscheinlich unter den Top 3 landen. Überspitzt gesagt: Man tut Essen zum Salz. Trotzdem überleben die Menschen. Und das, obwohl es doch immer heißt, dass Salz unser Leben verkürzt!

Kommen wir zur Lebensleidenszeit der Türken, anderswo auch Lebenserwartung genannt. Vorab dies: Ein 110 Jahre alter Mann wird gefragt, was er denn anders machen würde, wenn er erneut auf die Welt käme? „Ich würde gesünder leben!“ antwortete er. Darum geht es: Nicht wie alt man wird, sondern wie man die Zeit bis zum Tod – auch Leben oder Leiden genannt – verbringt.

Das staatliche Statistikamt hat neue Zahlen herausgegeben. Demnach beträgt die Lebenserwartung einer Türkin 81 und die eines Türken 75,6 Jahre. Ermittelt wurde auch die Lebenszeit, in der man ohne gesundheitliche Probleme und Einschränkungen lebt. Diese ist erstaunlicherweise bei den Männern mit 59,9 Jahren länger als bei Frauen mit 56,8 Jahren. Am Ende überleben die Frauen aber die Männer um drei Jahre. Wie das? Ein Grund könnte sein, dass die Frauen wenn sie den Witwenstatus erreichen – befreit von den Schikanen des Mannes – wieder zu neuen Kräften kommen. Wie sollte das anders zu erklären sein?

Die Leidenszeit kann man durch Gleichgültigkeit verkürzen. Vergangene Woche gab es in Istanbul ein Erdbeben der Stärke 5,8. Seit Jahren wird prophezeit, dass ein großes Erdbeben der Stärke 8,0 in den nächsten 200 Jahren unvermeidbar sei. Ich kann berichten, dass man das seit fünfzig Jahren sagt. Also könnte es schon morgen der Fall sein. Mit diesem Erdbeben wäre nicht nur Istanbul, sondern auch die Türkei für eine lange Zeit weg vom Fenster, denn das Herz der Türkei schlägt in Istanbul. Im Rahmen der urbanen Transformation, die man vor sechs Jahren ausgerufen hat, hieß es, dass 70 Prozent der Bauten einem Erdbeben ab Stärke 7,5 nicht standhalten. Schon heute kommt man, obwohl alle Gebäude noch stehen, im Verkehr nicht weiter. Was glaubt ihr, was passieren würde, wenn die genannte Zahl von Häusern in sich zusammenstürzen würden? Eine internationale Studie von 2011 prognostizierte, dass es 100 000 Tote und 350 000 Schwerverletzte geben würde. Wer soll die in welches Krankenhaus schaffen? Dem Türken ist die Situation nicht nur in Zusammenhang mit dem großen Erdbeben, bewusst. Einer der häufigsten Sätze im Türkischen lautet: „Wir Türken leben nur zufällig!“ (‘Biz şansa yaşıyoruz!’)

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