Von wegen deppert!

Ahmet Refii Dener über einen sehr bedeutenden Namensvetter. Mein Beitrag aus dem heutigen Tagesspiegel. Jetzt kennen die Deutschen Saskinbakkal.

Der Name eines Stadtteils von Istanbul lautet Saskinbakkal (ausgesprochen Schaschk’n Backkal). Es ist ein Viertel auf der asiatischen Seite der Stadt. Mitten hindurch führt eine Prachtstraße – „die Straße“ genannt – mit den tollsten Läden und modernsten Menschen von Istanbul. Saskinbakkal bedeutet übersetzt „der depperte Tante-Emma-Laden- Besitzer“. Wie kommt ein Stadtteil zu einem solchen Namen? Der Laden, beziehungsweise der Besitzer des Ladens auf dem Foto lieferte den Grund.

Ahmet Kosar

Im Jahr 1932 stellt mein Namensvetter Ahmet Kosar einige Obstkisten nebeneinander und fängt an, Obst und Gemüse zu verkaufen. Ein riesiges Feld und mitten drin er mit seinem Laden. Da eines seiner Beine kürzer ist, humpelt er und wird deshalb „Humpel Ahmet“ genannt. Er soll sehr fleißig und immer in Bewegung gewesen sein, erzählt sein Enkel. Als dann 1937 das Nachnamengesetz kam, erhielt er den Nachnamen „Kosar“. Das bedeutet „der Laufende“. Seine ganze Art war besonders. So trug er zur Arbeit und privat immer ein Sakko. Und dazu ein Laden mitten auf dem Feld! Der Ortsteilname war geboren: Saskinbakkal, der depperte Tante-Emma-Laden-Besitzer! Der nicht weiß was er tut!

Damals gab es in der Gegend nur Sommerhäuser von Istanbulern. Doch „der Depperte“ und sein Laden gewinnen mit jedem weiteren Haus und jedem weiteren Zuzug immer mehr an Bedeutung.

Damit man eine Vorstellung davon hat, wie gut seine Geschäfte liefen: Zu seiner besten Zeit beschäftigte er 23 Angestellte. Der Laden soll der einzige Laden der Gegend gewesen sein, in dem ein Telefon vorhanden war – ein zusätzlicher Umsatzbringer. Ahmet Kosar verdiente mit seinem Retro-Startup – klingt doch lustig, oder? – so viel Geld, dass er seinen Laden abreißt und ein neues Gebäude an gleicher Stelle erbaut. Er bringt auch das erste Kino in die Gegend. Das Atlantik Kino gibt es heute noch. Im Umkreis von vielen Kilometern werdet ihr heute in Saskinbakkal keinen Quadratmeter an unbebautem Grund entdecken. Schon 1980 war alles zugebaut. Für seinen Enkel steht fest, dass Saskinbakkal, deshalb als der modernste Stadtteil von Istanbul gilt, weil sein Großvater mit seinen Visionen hier wirkte.

Ahmet Kosar war übrigens so in Aktion, dass er mit 52 Jahren dem Leben davonlief.

Doch wer kann sich schon mit einem Stadtteilnamen verewigen? Ein toller Typ mein Namensvetter! Ohne einen Plan in die Selbstständigkeit zu gehen ist übrigens ein typisch türkischer Zug. Ahmet Refii Dener

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kaltstart

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