Neue Schuhe? Drauftreten!

Über Eigenarten türkischer Mentalität. Mein Blogartikel wurde zu meiner Kolumne im Tagesspiegel.

Es gibt einige Verhaltensweisen, die man in dieser Häufigkeit nur in der Türkei erlebt (bitte nicht festnageln, wenn es sie auch woanders gibt): Einer, der sonst nie die Zähne putzt, putzt sich die Zähne vor dem Zahnarzttermin, damit es nicht zu peinlich wird. Bevor die Putzfrau kommt, wird die Wohnung sauber gemacht. „Was soll sonst die Putzfrau denken?“ Bei Zusammenkünften mit Bekannten und Freunden im Restaurant die Rechnung bezahlen zu wollen, ist ebenfalls eine türkische Krankheit. „Die sollen nicht denken, ich hätte das Geld nicht!“ Sobald man sagt, die Schuhe die man trägt wären neu, kommt dein Gegenüber und tritt drauf. „So, jetzt sehen sie aus wie eingelaufen!“ Ich könnte platzen vor Wut.

Ich mag Ayran (Joghurtgetränk) genauso wie Döner. Es ist in der Türkei üblich, dass beides zusammen verzehrt wird. Penibel achtet man darauf, dass es zur gleichen Zeit aufgebraucht ist. Ein letzter Biss in den Döner, ein letzter Schluck Ayran. Ich mache es nacheinander. Warum die Geschmäcker schon oben vermischen, wenn alles im Magen sowieso zusammenläuft?

Fällt mal der Strom aus – und das geschieht in einigen Gegenden der Türkei ziemlich oft – rennt man nicht sofort los, um eine Kerze oder Taschenlampe zu besorgen. Nein, es folgt der Blick aus dem Fenster: ob die gegenüber auch einen Stromausfall haben. Bekommt man im Restaurant nach dem Essen ein feuchtes Tuch, um die Finger sauber zu machen, benutzt man dieses für so ziemlich alles. Aus hygienischen Gründen zuerst für Hand und Mund. Danach für alles in erreichbarer Nähe. Bis hin zu den Schuhen. Danach ist das Tuch nur noch Tuch und trocken.

Besonders bei Männern ab meinem Alter (sofern noch bei Verstand) kommt vor in Bau befindlichen Gebäuden die Frage auf: „Wie viel Stahl die wohl hier verbaut haben?“ Dabei haben die Typen noch nie was mit Stahl zu tun gehabt. Wenn man im Kino oder Konzert ist, zählt man grundsätzlich die Reihen und die Zahl der Sitze. Dann wird hochgerechnet, was der Veranstalter verdient.

Suchst du eine Adresse, kannst du praktisch jeden Türken auf der Straße fragen. Du wirst keinen treffen, der sagt: „Keine Ahnung.“ Grundsätzlich wissen die Türken immer alles. Das merkt ihr an den Kommentaren in den sozialen Medien, dass jeder sich zu allem äußern kann. Nach meiner Meinung gibt es kaum ein Volk, das den anderen so weit voraus ist. Kann Einbildung sein, schließlich verfüge ich auch über die galoppierenden türkischen Gene. 

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