Maslak — große Politik im kleinen Schloß

Istanbul im sonnigen Spätherbst — zwei deutsche Besucher der geschichtsträchtigen Stadt fahren mit der Untergrundbahn nach Maslak in den einst waldreichen Nordosten der Stadt. Wo früher ein ausgedehntes Jagdrevier der Sultane lag, türmen sich nun Hochhäuser, Bürokomplexe und Geschäftsbauten, führt eine mehrspurige Stadtautobahn den immensen Verkehr in das Zentrum und an die Peripherie der Millionenstadt.

Hier ist Istanbul ganz eine Metropole des 21. Jahrhunderts — mit einer Ausnahme: Inmitten einer gepflegten Parkanlage, noch immer von Wald umgeben, liegt das kleine Jagdschloß Maslak. Am Eingangstor geben sich die freundlichen Wachleute und Eintrittskar- tenverkäufer ihem Keif hin. Als sie bemerken, daß zwei Fremde vor ihnen stehen, werden sie munter, fragen nach unserer Herkunft und danach, ob wir denn wirklich das Schloß Sultan Abdül Hamids II. besichtigen möchten. Denn: »Ausländische Touristen kommen eigentlich nie hierher.« Wir sind nun aber dort und kaufen zwei Eintrittskarten.

Nach einem kurzen Spaziergang zum Eingang des villenartigen Schlosses, erwartet und dort eine bereits über unser Kommen informierte Studentin, die uns in der nächsten Stunde in vorzüglichem Englisch kenntnisreich durch das zweistöckige Haus und den Wintergarten mit seinen einzigartigen Kamelien, die teilweise noch aus dem späten 19. Jahrhundert stammen, führen wird. Auch sie ist erstaunt darüber, daß zwei Ausländer ausgerechnet das außerhalb des gewöhnlichen Istanbuler Touristenradius’ gelegene Schloß besuchen. Noch erstaunter ist sie, als sie bemerkt, daß wir durchaus in osmanischer Geschichte bewandert sind und wissen, wer Sultan Abdül Hamid II. und sein Bruder Mohammed V. Reşat waren. Denn: »Ausländer interessieren sich eigentlich nicht für unsere Geschichte.« Wir interessieren uns aber dafür und sind gerade deshalb in Maslak.

Im Sommer 1876 war es ein wichtiger Schauplatz osmanischer Geschichte. Doch der Reihe nach. Das Schloß, das mit seiner weißen Holzverkleidung an die zeitgenössischen Villen in den deutschen Ostseebädern erinnert und die umgebenden Gebäude entstanden in der Regierungszeit von Sultan Abdül Azis in den Jahren vor 1876. Der Sultan überließ das Ensemble als Sommersitz seinem Neffen Prinz Abdül Hamid, der es nach seinem Geschmack ausbaute und umgestaltete.

Die schlichte Anlage im Stil der Zeit besteht aus einer zweistöckigen Villa, dem Haremlik, die nur dem Prinzen und seiner Familie vorbehalten war sowie einem langgestreckten Wintergarten, dem wiederum ein kleiner Salon, dem für Besucher zugänglichen Selamlik, vorgelagert ist. Der Wohnbereich des Prinzen lag im Erdgeschoß der Villa, wogegen sich die übrigen Wohnräume in der ersten Etage befanden.

Der Prinz schwamm, ritt, übte sich im Schießen mit dem Karabiner und im Fechten, musizierte – Abdül Hamid spielte Klavier und Saz – aquarellierte, ließ Schafe sowie Kühe züchten und studierte den modernen Gartenbau. In dem bereits erwähnten beachtlichen Wintergarten ließ der Prinz vor allem Kamelien und kleinere Bäume ziehen, die noch heute dort zu sehen sind. Orientiert an modernen britischen Vorbildern entstand auf diesem Landsitz über dem Bosporus eine Ornamental Farm; die ersten Eindrücke dazu dürfte er während seines Aufenthaltes in Großbritannien 1867 gewonnen haben.

Seine große Leidenschaft gehörte allerdings der Kunsttischlerei; für das Maslak Kasrı fertigte er das Geländer der sehr eleganten doppelläufigen Treppe an, für andere von ihm bewohnte Schlösser entstanden zahlreiche Möbelstücke, teils mit Einlegearbeiten in Perlmutt. Als Prinz besaß er eine Tischler- werkstatt im Topkapı-Palast, später als Sultan dann auch eine im Yıldız-Palast.

Die zur Zeit des Prinzen Abdül Hamid elegante, aber keineswegs überreiche Einrichtung der Villa in Maslak wurde wie folgt beschrieben: »Abdül Hamid wählte auf der rechten Seite im Erdgeschoß den Raum als Schlafzimmer, der am weitesten vom Eingang entfernt liegt. Er hatte eine der beiden in das Zimmer führenden Türen blockiert. Die Tür des Vorzimmers in den Schlafraum selbst trägt sein Monogramm A H [in lateinischen Buchstaben], und es wird gesagt, sie sei seine eigene Arbeit. Eine Bett- statt aus Walnußholz stand in der Ecke nahe der ungenutzten Tür, daneben befanden sich ein Tisch mit Einlegearbeiten aus Perlmutt sowie ein Waschtisch. In der gegenüber- liegenden Ecke standen zwischen zwei Fenstern eine Chaiselongue, ein weiterer Tisch mit Perlmuttintarsien und ein Sessel. Die Wand mit der versperrten Tür hinter dem Bett war mit Wandteppichen behängt. […]

Die Decke des großen rechteckigen Saales im Obergeschoß des Schlosses ist zurückhaltend mit geometrischen Mustern und Blumenranken bemalt. Da die Wände in keinerlei Weise dekoriert sind, wird die Aufmerksamkeit ganz und gar auf die beiden einander gegenüber liegenden Kamine sowie die darüber hängenden Kristallspiegel in ihren vergoldeten Rahmen gelenkt. An der Wand zwischen den Fenstern befanden sich kristallene Wandarme. Der Raum war mit schweren vergoldeten Sitzmöbeln ausgestattet, und ein einziger, großer Teppich bedeckte den Boden. In der Mitte des Teppichs stand ein großer ovaler Tisch, der vergoldet war und eine Marmorplatte trug; darüber hing ein prachtvoller Kronleuchter. Ein weiterer Leuchter erhellte zudem die offene Treppe am Ende des Saales. Uhren und Bronzekandelaber standen auf den Kaminsimsen. In einem der seitlich gelegenen Räume befanden sich sich ein Klavier, Sessel sowie entlang der Wände Sofas. Dies war Abdül Hamids privates Wohnzimmer, wo er Klavier spielte und komponierte.«

Seine Tochter Ayşe Sultan schrieb über die Jugend ihres Vaters in Maslak: »Papa widmete sich dort auch dem Gartenbau, ließ bleihaltiges Erz fördern und einen Ofen zur Herstellung von Bleiweiß betreiben. Er zog Schafe und Ziegen auf. Aus Europa ließ er neben Rosenstauden verschiedene Blumen kommen und gestaltete einen Teil seines Gartens zu einem Blumen- garten.«

Der lebenslang überaus geschäftstüchtige Prinz verkaufte die Erzeugnisse seiner Landwirtschaft — Gemüse, Fleisch, Milch, Lämmer und Felle. Das in Maslak erzeugte Bleiweiß, das in der Farbenindustrie benötigt wurde, veräußerte er zu einem niedrigeren Preis als das aus Venedig importierte. Der Handel mit Merinoschafen aber war bei alldem das einträglichste Geschäft.

Im Hochsommer 1876 wurde das beschauliche Schloss in Maslak zu einem wichtigen Schauplatz der Geschichte: Die Thron- besteigung Abdül Hamids II. wurde dort vorbereitet. Nach der Absetzung von Sultan Abdülaziz im Juni 1876 bestieg Murad V. den Thron. Mit ihm verbanden sich große Erwartungen in Bezug auf längst fällige Reformen und eine Hinwendung des Osmanischen Reiches in Richtung der europäischen Großmächte. Bald wurde allerdings deutlich, daß der ältere Bruder von Prinz Abdülhamid aufgrund seiner psychischen Erkrankung die Regierung nicht ausüben konnte.

Der führende Mann im Lager der Reformkräfte, Midhat Pascha, suchte zu ergründen, unter welchen Umständen Abdül Hamid bereit wäre, den Thron zu besteigen und begab sich deshalb mehrfach zum Maslak Kasrı, wo sich der Thronfolger in dieser Zeit zumeist aufhielt. Der Sultan erinnerte sich später an diese konspirativen Zusammenkünfte: »Als mein Bruder erkrankte, kamen Midhat Pascha und Mehmed Rüşdü Pascha [Großwesir] zu mir. Es war mein erstes Zusammentreffen mit ihnen. Sie fragten mich, ob ich eine konstitutionelle Regierung oder eine absolute Herrschaft bevorzuge. […] Ich erklärte, daß ich das Land in der Weise regie- ren würde, die ich für die geeignetste und günstigste hielte, sollte ich das Kommando übernehmen, genau wie ein Kapitän, der sein Schiff führt, wie er will. […]«

Abdül Hamid erkannte die Gunst der Stunde, er versprach den Reformern die Verkündung einer Verfassung und die Unterstützung der liberalen Männer, die sein Bruder Murad V. berufen hatte. Am 30. August 1876 trat an der Hohen Pforte der Ministerrat zusammen, gemeinsam mit dem Großwesir erläuterte Midhat Pascha den Anwesenden die schwierige politische Situation und sprach über die Krankheit des Sultans. Die Minister stimmten daraufhin für die Absetzung Murads V. wünschten allerdings noch eine erweiterte Beratung am folgenden Tag.

Prinz Abdül Hamid wurde entsprechend informiert und gebeten, sich am folgenden Tag von Maslak in den geschichtsträchtigen Topkapı-Palast zu begeben. Die dort versammelten Minister, Würdenträger und Religionsgelehrten votierten nun abermals für eine Absetzung des Sultans, der anwesende Scheich ül-Islam hatte für diesen Fall bereits eine entsprechende Fatwa ausgearbeitet, die erklärte, Sultan Murad V. sei dauerhaft regierungsunfähig.

Abdül Hamid wartete unterdessen im Saal des Heiligen Mantels auf den Ausgang der Beratung. Nach dem Votum des Ministerrates wurde dann mit der Zeremonie der Einsetzung des neuen Herrschers begonnen. Auf dem zu diesem Zweck vor dem Tor der Glückseligkeit aufgestellten goldenen Thron sitzend, empfing Abdul Hamid II. den Treueid der versammelten Würdenträger aus Regierung, Armee und Geistlichkeit und nahm ihre Glückwünsche entgegen.

Sein heiteres Sommerschloss in Maslak besuchte er als Sultan nicht mehr, in späteren Jahren hielt sich dann sein Bruder Sultan Mohammed V. Reşad, er regierte von 1909 bis 1918, gerne dort auf. Nach dem Ende der Monarchie übernahm die türkische Armee das Schloss und richtete ein Krankenhaus dort ein.

Maslak heute. Geschäfts- und Finanzzentrum von Istanbul. Irgendwo dazwischen der Sommerschloss Maslak.

In den 1980er Jahren übernahm die staatliche Schlösser-Verwaltung das Ensemble und eröffnete nach sorgfältiger Restaurierung ein reich ausgestattetes Schoßmuseum in den Wohnräumen Abdül Hamids II. Der Winter- garten ist ebenso zugänglich wie der Selamlik des Schlosses und die separat gelegenen Räume für das hochrangige Gefolge des Prinzen. Dort können die Besucherinnen und Besucher Badezimmer und Toiletten der Paschas besichtigen. Der ausgedehnte Park lädt mit duftenden Rosenbeeten zu einem Spaziergang und anschließender Kaffeepause im Çadır Köşkü oder auf der dortigen Terrasse ein.

Das Schloß befindet sich in der Büyükdere Caddesi (U-Bahnhof Sanayi, Linie 2) und ist mittwochs bis sonntags von 9.00 Uhr bis 17.00 Uhr geöffnet (im Winter nur bis um 16.00 Uhr).

Text und Fotos © Thomas Weiberg, Historiker

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