“Die Zunge hat keinen Knochen”, oder “Träumen ist in der Türkei unter gewissen Umständen erlaubt”

So heißt es in der Türkei. Die Zunge ist locker, will der Türke sagen. Man kann sie biegen. Der Mensch vermag seine Meinung schnell zu ändern. Setzt seine Worte zum eigenen Nutzen ein. Redet heute so und morgen ganz anders.

Auch Taten lassen sich verschleiern, vertuschen und später erscheinen sie im neuen Licht. Dass auch üble Nachrede gemeint ist oder einfach Klatsch im Treppenhaus und über den Gartenzaun, bietet sich an. Auch, dass die Zunge ständig in Bewegung ist. Niemals ruht und vieles gesagt wird, das ungesagt enorm an Wert gewänne. Und wenn es denn einmal raus ist, fängt man es nicht wieder ein. Hätte er sich doch lieber auf die Zunge gebissen, heißt es dann. Natürlich ist bei dieser Betrachtung immer die Zunge des anderen gemeint. (Aus einem Artikel von Martin Meissner)

Träumen ist in der Türkei unter gewissen Umständen erlaubt

Gestern erzählen der Verbandspräsident der Exporteure (TIM), der Präsident des Verbandes für Klein- und Mittelständische-Unternehmen (KOSGEB) und die Minister für Handel und Wirtschaft, von einem Traum, eigentlich ein Wirtschaftsplan, nur als Traum verpackt. Eines Tages sollen 3,5 Millionen KMU’s der Türkei, zu Exporteuren werden. Wisst Ihr wie viele Exporteure es derzeit gibt? Knapp über 100.000! Träumen ist in der Türkei erlaubt, solange man sich das erträumt, was der AKP bzw. dem Prächtigen in den Kram passt.

3,5 Millionen Unternehmen zu Exporteuren ist schon mehr als ein Traum, fast Utopie, aber erlaubt. Klingt nämlich gut! Heute gesagt, morgen vergessen.

Die Mittelständler und Kleinen sind in der Türkei anders definiert als in Deutschland. In den Kreditabteilungen der Banken spricht man schon von einem Großunternehmen, wenn der Jahresumsatz 5 Mio. USD übersteigt. Bekanntlich gibt es in D Mittelständler mit Milliarden Euro an Umsatz. Es ist nur eine Information zur Definition und keine Kritik.

Eines der Gründe, weshalb das gesetzte Ziel nicht erreicht werden kann, sind die fehlenden Produkte mit Mehrwert. Das wiederum ist Kritik vom Feinsten. Viele Kleinbetriebe und Mittelständler produzieren mit veralteten Technologie und Verfahren nur für den Inlandsmarkt. Wenn ich bei einem Produkt für den Export ein den Preis abfragte, sagte man lediglich: “Wir haben bis jetzt nur für die Türkei produziert”, soll heißen: “Unsere Produkte würden die internationalen Standards nicht erfüllen”.

Es gibt aber Produzenten, die neu auf dem Markt sind. Das sind Schuster, die nicht bei ihren Leisten geblieben sind und in fremde Branchen investiert haben. Dann steigen sie gleich mit neuester Technologie ein, also bei 100% dessen, was möglich ist, mit den Weltmärkten auf Augenhöhe. Das aber nur bei der Produktqualität, denn was die Vertriebsseite angeht, setzt man eher auf Allah. “Allah’ın izni ile ihracata açılacağız!” Mit Allahs Willen werden wir uns den Exportmärkten öffnen.” bedeutet u.a. “Wir werden abwarten, ob Käufer zu uns finden.” Denn aktives Marketing gibt es nicht. Nun gut, in den meisten Fällen nicht. Unter welchen Voraussetzungen der Export funktioniert, müsste den Produzenten erst einmal beigebracht werden. Da muss der Hersteller Beratung abrufen, was aber Geld kostet. Lieber spart man an der Beratung, die man nicht kauft und verzichtet somit auf den Export.

Wer heutzutage wie die Türkei, meisten nur Produkte hat, die man über den Preis verkaufen kann, muss dennoch die Standards erfüllen, die die Märkte verlangen. Zumeist Fehlanzeige. Irgendwie kommen die Zutaten für einen erfolgreichen Export nur in den seltensten Fällen zusammen.

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