Die Begegnung der besonderen Art – Mein Großvater und mein Physiklehrer

In der 6. Klasse des Gymnasium Işık Lisesi in Istanbul war der Autor meines Physikbuches mein Großvater und die meines Mathebuches, meine Großmutter. In einem anderen Land würde das kaum eine Bedeutung haben, aber nicht so in der Türkei. Damals in den 70er Jahren galten die Lehrpersonen noch was. Die Menschen begegneten ihnen mit Hochachtung und das zu jeder Gelegenheit. Auf der Straße legte ich 100 Meter, wohlgemerkt in Begleitung meiner Großeltern, in knapp einer halben Stunde zurück. Es waren so viele Ex-Studenten, die ihre Hände schüttelten, küssten (nicht die Hände, da waren meine Großeltern dagegen) und umarmten, dass ein ausstehender glauben könnte, es gäbe eine Schlägerei. So groß war manchmal die Menschenansammlung in Istanbul,  nicht so sehr wie in Ankara, wo sie lebten und arbeiteten.

Für mich ein Schockerlebnis

Eines Tages klopfte es an der Tür der Klasse. Wir hatten gerade die Physikstunde. Der Direktor und zu meinem Entsetzen, mein Großvater marschierten ein. Ich leuchtete wie eine rote Ampel. Der Direktor sagte zu uns gerichtet die Worte: „Meine Schüler (es war eine reine Jungenklasse), der Herr neben mir ist Herr Professor Hayri Dener, der Autor aller Physikbücher in unserer Schule. Er ist auch mein und der Lehrer eures Physiklehrers auf der Universität in Ankara in gewesen. Er wollte Euch nur ‚Hallo‘ sagen, weil ja auch sein Enkel Euer Klassenkamerad ist.“ Wir waren aufgestanden, als die beiden in die Klasse kamen und jetzt klatschte die Klasse außerdem Beifall. Ich merkte, dass die Röte in meinem Gesicht noch zu steigern war und erreichte die höchste Stufe.

Mein Großvater, ich und mein Bruder Memo. Der dritte im Bunde war noch nicht geboren.

Mein Großvater war für den Physiklehrer ein rotes Tuch

Danach verabschiedeten sich die beiden, aber ich konnte mich nicht beruhigen, zumal die Geschichte noch einen besonderen Knackpunkt hatte. Mein Physiklehrer war nämlich einer der schlechtesten Schüler meines Großvaters und zwar so schlecht, dass er meinem Großvater unter Tausenden von Schülern namentlich ein Begriff war. Das erklärt auch die Tatsache, dass der Physiklehrer und ich die gleiche Röte im Gesicht hatten, als mein Großvater in der Klasse kam.

Das dicke Ende für mich kam noch

Ende des Schuljahres sollte für mich noch ganz Dicke kommen. In Physik musste ich in die Nachprüfung. Die Sommerferien waren dahin. Denn die Nachprüfung war am ersten Tag des darauffolgenden Schuljahres. Wie süß Rache sein kann, hat der Physiklehrer wahrscheinlich voll ausgekostet. Anders war die Situation in Mathe. Die Mathematiklehrerin bestellte meiner Großmutter fast nach jeder Mathestunde schöne Grüße. Damit nicht genug. Wenn die Mathearbeit von ihr Korrekturgelesen wurde und ich eine schlechte Note hatte, gab sie die Arbeiten nicht zurück. Sie las uns nur die Noten vor. Selten kam es vor, dass ich kein „Sehr gut“ hatte. Wenn das der Fall war wusste ich, dass sie nicht wollte, dass es auffiel, was da abging, zwischen uns. Nein so meine ich das nicht. Ich meine zwischen der Lieblingsschülerin meiner Großmutter und dem Lieblingsschüler meiner Mathelehrerin.

(Die Zeit in dieser Schule als Internatsschüler, hat mich geprägt. Darüber habe ich in meinem Buch Kaltstart X geschrieben)

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