Der frühe Vogel, hat einen Vogel. Zumindest in der Türkei.

Wenn der Türke in der Türkei zu leben und zu arbeiten anfängt, merkt er erst, wie Deutsch geeicht er ist. Das ist eine Erfahrung, die alle machen, die sich entschließen in der Türkei zu leben und zu arbeiten. In den 90er Jahren brauchte man noch einen Festnetzanschluss. Sieben Uhr stand ich vor der Tür von einer Niederlassung der Türk Telekom. Die Freude war groß, dass nicht viel los war, denn ich war der erste und für knapp zwei Stunden auch der einzige. Die machten nämlich um 9 Uhr auf und was soll ich sagen, der zweite kam erst 8:50 Uhr an. Um 9:05 Uhr regten wir uns allesamt über einhundert Menschen darüber auf, dass die Türen immer noch nicht auf waren. Dann war es soweit, nur war ich nicht mehr der erste, der das Gebäude betrat. Ich drücke und trete nicht gerne, wisst ihr.

Als ich dann dran war, der Schock! “Um ein Telefonanschluss zu beantragen, müssen Sie zuerst Ihre Altschulden bezahlen!” So erfuhr ich überhaupt, dass ich Schulden bei der Türk Telekom hatte. Es war die Abschlussrechnung einer Anschlussabmeldung von vor 8 Jahren. 60 TL, damals ca. 30 EUR. “Dann bezahle ich das mal!” sagte ich und bekam ein Ausdruck ausgehändigt, wo ein Betrag von 1.700 TL aufgeführt waren. Versäumniszuschläge, -Zinsen und Zinseszins machten es aus. Ich kochte innerlich aber sagte nicht viel, weil ändern konnte man daran nichts. Die Mitteilung war sogar an die Grenze raus. Bei der nächsten Ausreise aus der Türkei wäre ich dran gewesen. (Heute werden die Schulden nicht mehr an die Grenze gemeldet. Die Menschen dürfen nicht wegen irgendwelcher Schulden an der Grenze festgehalten werden. Bestimmt verlangte das ein AKP Mann, der es nötig hatte, dass solch ein Gesetz erlassen wurde).

Ich ging mit dem Zahlungsbeleg zu der zuständigen Rechtsanwältin. Sie sollte die Ausreisebeschränkung aufheben lassen. Wie Sie den Zahlschein von 1.700 TL sah, sagte sie: “Sie hätten eigentlich 1.930 TL zahlen müssen. Tatsächlich, auf dem aktuellen Ausdruck von ihr war dieser Betrag aufgeführt. “Egal, dass regle ich schon!” sagte sie. Das hörte sich so an, als hätte sie gegen einen entsprechenden Betrag auch die restlichen 1.700 TL ebenfalls erledigen können. Prompt sagte sie auch. „Schade, Sie hätten zuerst zu mir kommen sollen.“ Der Tag war gelaufen. Am nächsten Morgen stand ich 8:45 Uhr vor der Türk-Telekom Gebäude. Bis 8.50 Uhr stand ich wieder alleine da, denn die Türken müssen bis zur letzten Sekunde ausschlafen. Der Unterschied zu gestern war, dass ich mich am Eingang so breit machte, dass ich auch als erster ins Gebäude ging. Zum Weiterkommen braucht ein Land ausgeschlafene Typen. Dass man als Langschläfer nicht automatisch zu einem ausgeschlafenen Typen wird, beweist die Türkei.

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