1916 – Luftschiff über dem Goldenen Horn gesichtet

Von Mannheim bis zum Bosporus: Das Militär-Luftschiff ›SL10‹ über Konstantinopel im Sommer 1916.

Der Industrielle Karl Lanz und der Ingenieur Johann Schütte gründeten im April 1909 im badischen Rheinau (seit 1913 zu Mannheim gehörig) das Unternehmen ›Luftschiffbau Schütte-Lanz‹. In Brühl bei Mannheim befand sich die Werft zur Produktion der Luftschiffe, die bis zum Ende des Ersten Weltkrieges rasch zur größten deutschen Konkurrenz Graf Ferdinand von Zeppelins auf dem Gebiet des Luftschiffbaus avancierten, ohne allerdings jemals die Popularität der Luftschiffe desTyps ›Zeppelin‹ zu erreichen. Die Firma fertigte bis 1918 ausschließlich Luftschiffe für das deutsche Militär.

Das Luftschiff SL10 der Firma Schütte-Lanz unternahm am 17. Mai 1916 seine erste Fahrt von Brühl bis zur Heeres-Luftschiffhalle in Mannheim-Sandhofen. An Bord befanden sich siebenunddreißig Personen, unter ihnen auch Hauptmann Richard von Wobeser (1876-1916), der spätere Kommandant des Luftschiffes. Nach weiteren Werkstattflügen und umfangreichen Prüfungen wurde das Heeresluftschiff SL10 am 24. Juni 1916 unter dem Kommando von Hauptmann von Wobeser von Mannheim-Sandhofen zunächst in den Luftschiffhafen des damals zu Österreich-Ungarn gehörenden Dorfes Mokrin im Banat überführt.

Der Maler Joseph Ruep (1886-1940) schuf im Jahr 1916 ein Gemälde, das das Luftschiff SL10 bei seinem Flug über das Goldene Horn zeigt.

Die Reise ging schnell vonstatten und führte über Speyer, Karlsruhe, Stuttgart, Ulm, Ingolstadt, Kelheim, Passau, Linz, Wien, Aspern, Pressburg, Budapest und Szegedin. Bereits am nächsten Tag, dem 25. Juni, wurde das Luftschiff über das damals ebenfalls noch zu Ungarn gehörige Temeswar in das südostbulgarische Jamboli verlegt. Dort befand der südlichste militärische Luftschiffhafen der durch das deutsche Militär für Aufklärungs- und Angriffsflüge mit Bomben nach Rumänien, Rußland, nach Malta und sogar bis in den britischen Sudan hinein genutzt wurde.

Von Jamboli, das östlich von Burgas nicht allzu weit von der Küste des Schwarzen Meeres entfernt liegt, unternahm das Luftschiff SL10 Aufklärungsflüge über dem Schwarzen Meer bis nach dem an der Südküste der Krim gelegenen Ort Tuak sowie entlang der osmanischen Schwarzmeerküste in Richtung auf Zonguldag, da die wichtige Hafenstadt, die bis heute ein Zentrum des Kohleabbaus ist, wiederholt von Kriegsschiffen der russischen Marine beschossen worden war, um die osmanische Kohleversorgung zu behindern.

Bei einem dieser Aufklärungsflüge hat das Luftschiff unter dem Kommando des bereits erwähnten Hauptmanns Richard von Wobeser den Bosporus und Konstantinopel überflogen.
Am 27. Juli 1916 brach SL10 mit sechzehn Mann Besatzung zu einer auf sechzehn Stunden veranschlagten Angriffsfahrt auf die kriegswichtige russische Hafenstadt Sebastopol auf der Krim auf. Wahrscheinlich stürzte das Luftschiff bereits während des Anfluges auf Sebastopol in das Schwarze Meer wobei die Besatzung starb.

Von der Seeflugstation des deutschen Militärs im bulgarischen Varna wurden ab dem 29. Juli zwei Flugzeuge zur Aufklärung des Verlustes eingesetzt, und auch Kriegsschiffe der verbündeten Bulgaren und Osmanen wurden angewiesen, Ausschau nach Trümmern des Luftschiffes zu halten, doch die Suche blieb erfolglos. Bis heute ist das Schicksal von SL10 und seiner Besatzung nicht aufgeklärt.

In Sonnenburg in der Neumark (heute Słońsk), dem Sitz des Johanniterordens in der Ballei Brandenburg erinnern bis heute in den Fenstern der Kirche des Ordens zahlreiche Wappentafeln an die während des Ersten Weltkrieges gefallenen brandenburgischen Johanniterritter – Hauptmann Richard von Wobeser ist auch darunter.

Danke Thomas Weiberg, Historiker, Berlin

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