Görlitz – Die feindliche Übernahme wollte ich eigentlich in guter Absicht machen

Das WirtschaftsWoche-Magazin vertrete ich nunmehr über fünfzehn Jahre in der Türkei. Als die Wirtschaft noch was hergab und die Stimmung so gut war, dass Investoren an der Türkei einen sicheren Hafen sahen, machten wir auch Türkei-Specials. Derzeit lohnt sich das nicht mehr, denn so was finanziert sich über die Werbung und außer der Turkish Airlines ist keine Marke in der Lage Auslandswerbung einzuschalten. Bitte jetzt nicht mit Beko, Grundig u.a. kommen, die zwar türkische Marken sind, aber aus dem jeweiligen Land aus operieren, wo sie gerade sind bzw. die Produkte vertrieben werden.

Eigentlich möchte ich euch erklären, wie ich auf Görlitz kam und was ich mit der schönen Stadt an der polnischen Grenze vorhatte. Die Bekanntschaft mit der Stadt machte ich durch einen Flyer der Wirtschaftsförderung und der Stadt Görlitz in der WirtschaftsWoche. Da stand viel über die guten Möglichkeiten dort zu investieren, über Fördermittel, und anderes.

Schon am nächsten Tag nahm ich Kontakt zu dem damaligen Oberbürgermeister auf. Die Gespräche entwickelten sich positiv und ich durfte mit der Wirtschaftsförderung der Stadt für die Stadt aktiv werden und schauen, ob ich türkische Investoren holen konnte.

Das mag jetzt absurd klingen aber, bei mir ging es um eine feindliche Übernahme der Stadt in guter Absicht.

Mein Plan war, in aller Kürze erklärt, türkische Unternehmer aus der Türkei nach Görlitz zu holen, die dann hier ihre Waren mitten in Europa produzierten und vertrieben. Halbfertigerzeugnisse in der Türkei produzieren, die Endkonfektionierung in Deutschland machen und als Made in Germany auf den Markt bringen. Besonders die polnischen ArbeiterInnen kosten unwesentlich mehr als die in der Türkei.

Viele türkische Unternehmen in Görlitz hätten bedeutet, dass Görlitz in den Fokus der Türkischstämmigen in Deutschland gerückt wäre. Sicher wären viele dann in die Stadt gezogen. Görlitz würde wieder aufblühen, evtl. so, wie sie noch nie geblüht hat.

Eine feindliche Übernahme bedeutet in der Wirtschaft, dass man, ohne vorher die Einwilligung des Übernahmekandidaten eingeholt zu agiert, und diesen vor die nackten Tatsachen setzt, so dass er nur noch nicken und akzeptieren braucht.

Die Dönerbuden sind ein Indikator

Ich tue mich schwer mit dem Begriff der feindlichen Übernahme, wenn es um die Stadt Görlitz geht, ich nenne es lieber „Zum Glück zwingen“.

Die Dönerbudendichte der Stadt zeigt eigentlich, dass die Stadt gar nicht so ausländerfeindlich sein kein. Dönerbuden sind ein sicherer Indikator.

Dem Vermittler nichts bezahlen und hoffen, dass er sich selbst motiviert

Es war nicht leicht für die Wirtschaftsförderung zu agieren. Dieser zahlte Leuten wie mich im Vorfeld keinen Cent „Bring erst einmal die Investoren, dann sehen wir weiter“ so kann ich wohl die Situation wohl am besten wiedergeben.

Nicht dass jetzt gedacht wird, dass nach erbrachter Leistung Gelder an den Vermittler fließen würden, nein, nicht einmal die entstandenen Kosten konnten damit gedeckt werden. Bezahlt wurde nach den geschaffenen Arbeitsplätzen. Wenn zwanzig Arbeitsplätze geschaffen wurden und dafür fünf Millionen Euro investiert wurde, bekam man als Vermittler nicht einmal einen fünfstelligen Betrag ausgezahlt. Meine Aufgabe war also denkbar einfach (Ironie).

Den türkischen Investor vom Standort Görlitz überzeugen, ihm erklären, dass ich die Wirtschaftsförderung der Stadt vertrete, aber nicht von diesen bezahlt werde, dass die Stadt eigentlich gar nicht so ausländerfeindlich und rechts ist wie man glaubt und hört und so weiter.

Görlitz war mein Hobby

Neben meinem Job als Türkei-Berater deutscher und Schweizer Unternehmen (mein Bruder sagte mal, dass man Schweizer groß schreibt), war ich die Hobby-Vertretung der Wirtschaftsförderung der Europastadt Görlitz-Zgorzelec. Zgorzelec ist die andere Hälfte der Europastadt.

Die Neisse stellte ich mir als den Mini-Bosporus vor und die Brücke darüber existierte ja auch, eine Pseudo-Bosporus-Brücke. Das hätte gepasst, wenn ich die Stadt eingenommen hätte, wie ich es vorhatte.

Bezahlbarer Wohnraum zuhauf, nur keine Arbeitsplätze

Als ich 2017 die Türkei verlassen musste, dachte ich nach Görlitz zu ziehen. Wohnraum gibt es reichlich. Auf einmal hatte ich selber Bedenken, ob das denn gut gehen könnte und ob ich meinem Sohn nicht das falsche Bild über Deutschland vermitteln würde. Wie tolerant eine Stadt gegenüber Ausländern ist kann man an der Zahl der Dönerbuden sehen. In Görlitz gibt es viele davon. Das ‚Ö‘ kommt bei Görlitz und Döner als zweiter Buchstabe vor. Im Herzen müssen die Görlitzer gut sein denke ich.

Schade, dass die feindliche Übernahme in guter Absicht nicht funktioniert hat. Es wäre eine Win-Win-Situation geworden. Auch die, die heute über die Ausländer schimpfen, hätten ihren Nutzen daraus gezogen. Sie hätten Arbeit, gesetzt den Fall, sie möchten arbeiten.

Übrigens, das Vorhaben kann jederzeit in die Tat umgesetzt werden

Wir wissen, dass die türkische Wirtschaft derzeit am Boden liegt, oder vermuten es. Was die wenigsten wissen ist die Tatsache, dass die großen Industriekonglomerate reichlich Gelder in den Kassen haben und nach Investitionsmöglichkeiten im Ausland Ausschau halten. Wenn man diesen das entsprechende Umfeld anbietet und in Sicherheit wiegt, dass kann in erster Linie durch die jeweilige Bevölkerung der Stadt und der Region kommen, hätte man die Möglichkeit, einige deutsche Städte, die ebenfalls am Boden liegen wie die türkische Wirtschaft, wieder zu neuem Leben erwecken. Der beste Indikator, ob eine Region für Investitionen ausländischer Unternehmen taugt ist, zu schauen, auf wie viel Prozent die AfD in der Region gekommen ist. Sitzen diese gut im Sattel, wegbleiben!

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