Wie Sona und Arman mich nass machten

Als ich acht oder neun Jahre alt war wussten Sona und ich, dass wir später einmal heiraten würden. Sie war die Tochter unserer armenischen Nachbarn. Ihr Bruder Arman, der ein Jahr älter war, gab seine Zustimmung. „So können wir immer zusammen sein“ sagte er.

Ihr merkt, ich berichte wieder aus den schönen Zeiten der Türkei, oder wo ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, nämlich in Istanbul der 60er Jahre. Wir hatten 20 Hühner und das mitten in der Stadt, nämlich in der Ortschaft Bostanci auf der anatolischen Seite von Istanbul, dann noch auf der heutigen Flaniermeile Bagdat Straße. Wie jeden Morgen sagte meine Mutter, dass ich zum Hühnerstall gehen und einige Eier zum Frühstück holen solle. Gerade hatte ich die noch lauwarmen Eier eingesammelt und in einen Korb gelegt, passierte es. Sona und Arman hatten sich auf ihrer Seite der Mauer versteckt, an dem der Hühnerstall angrenzte. Beide waren mit zwei vollen Eimern Wasser bewaffnet, die sie dann urplötzlich mir von hinten über Kopf ausschütteten. Ich war so erschrocken, dass ich den Korb mit den Eiern durch die Luft schleuderte und weg lief, bis ich Sona und Arman sah, die hinter der Mauer auftauchten und sich vor Lachen nur so bogen. Gerade wollte ich schimpfen, schritt meine Mutter ein, die das Ganze wohl gesehen hatte und sagte: „Gratuliere deinen Freunden zum Vardavar Fest!“ Ich gebe zu, dass ich später den Zusammenhang vergaß, worum es beim Wasserfest ging, zumal wir nur ein Jahr unsere Freundschaft mit Sona und Arman auskosten konnten. Wir zogen innerhalb Istanbuls weiter und als wir zu den Sommerferien wieder in diesem Haus waren, waren meine Zukünftige Sona und mein Schwager in spe Arman, samt Familie in die USA gezogen. Ende Juli war es echt ruhig, traurig und trocken vor allen Dingen. Viel lieber wäre mir, die beiden hätten mich wieder nass gemacht. So blieb auch meine Revanche aus. Durch die Jahre zogen viele unserer armenischen und jüdischen Nachbarn weg. Damals als Kind verstand ich nicht was los war. Heute setze ich mich darum ein, dass die Menschen sich wieder besser verstehen und erkläre, dass wir alle eigentlich eins sind.

Für Vardavar gibt wohl unterschiedliche Schreibweisen, das Brauchtum ist in Armenien verknüpft mit dem Fest der Verklärung Christi, das eines der fünf Hochfeste der armenischen Kirche ist. Gefeiert wird 98 Tage nach Ostersonntag.

Foto: iarmenia.org

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