Früher wurde in Deutschland Deutsch gesprochen

Damals, als ich ohne Deutschkenntnisse in das neusprachliche Gymnasium, der heutigen Leonardo-Da-Vinci-Gymnasiums in Köln-Nippes, ging…

Tja, wie ich mich gefühlt habe, kann man sich, glaube ich, vorstellen. Schockerlebnisse zuhauf. Warum ich überhaupt sofort aufs Gymnasium ging, ist schnell erklärt. Vorher schickte das Bildungsamt der Stadt-Köln mich zu einem Eignungstest. Es war eigentlich eine IQ-Prüfstelle. Bei der nach oben offenen Skala … Nein, sage ich nicht, aber jedenfalls war der Wert so gut, dass ich ohne Deutschkenntnisse auf ein Gymnasium gehen dürfte.

Und dann noch auf ein neusprachliches Gymnasium. Deutsch reichte nicht, ich sollte auch noch mit reichlich Englisch, Französisch und Latein gefoltert werden. Den Rest überspringe ich. Irgendwie kam ich über die Runden und stehe heute hier.

Dass, was ich an Deutsch kann, kann ich ohne die dazugehörigen Regeln. Diese zu lernen kam überhaupt nicht in Frage, denn dafür war ich zu klug und schlau. Das macht die Sache umso spannender. Irgendwie streue ich die Kommata nach Gefühl und die Artikel finden kaum Beachtung. Schon nach wenigen Monaten Schule in Deutschland nahm ich mir vor, dass ich später meinen Kindern so eine Schikane niemals zumuten wollte.

2005 wurde mein Sohn in Istanbul geboren. Als die Grundschulzeit bevorstand hatten wir ihn in Istanbul bereits auf einer anerkannt guten Schule eingeschrieben. Dann wurde aber drei Tage vor Schulbeginn umgeswitcht. Während eines Auftrages hielt ich mich ca. 1 Monat in Alanya auf und da ich meine Familie dabei hatte, entschlossen wir uns in Alanya zu bleiben und das drei Tage vor Schulbeginn. Eine wundervolle Zeit begann. Mein Sohn besuchte eine Privatschule direkt an der Burg von Alanya. Alles passte und jedes Jahr vor dem Schulbeginn rief ich mir die Zeit in Deutschland in Erinnerung, wie ich leiden musste.

Mich können schon Kleinigkeiten glücklich stimmen, aber dass mein Sohn noch ein und noch ein Jahr und noch ein Jahr auf die gleiche Schule ging, war für mich die Krönung überhaupt. Denn bevor ich nach der siebten Klasse nach Deutschland ging, hatte ich schon fünf Schulen hinter mich gebracht. Mein Vater war ein Wandersmann, und wir, ich, meine zwei Brüder und unsere Mutter, mussten im Gepäck überall hin mitziehen.

Als mein Sohn in der siebten Klasse war, passierte es. Als Andersdenkender mit gesundem Menschenverstand war ich in der Türkei dem Regime aufgefallen. Ab ging es nach Deutschland. Fast zwei Jahre musste ich ohne meinen Sohn auskommen. Nun ist er da und was soll ich sagen, die Schockerlebnisse wiederholen sich. Es sind aber nicht die gleichen. Mein Sohn kam mit ‚null‘ Deutschkenntnissen in eine Regelklasse in Bayern und siehe da, er war vom Stoff her viel weiter als die Klasse.

Das war übrigens damals bei mir genauso. Deutsch hat er aber schneller gepackt als ich, mit einem Unterschied. Zu meiner Zeit wurde in Deutschland noch Deutsch gesprochen. Wenn ich höre, was für ein Deutsch er lernt, möchte ich es mit einem Wort beschreiben: Scheiße!

Wenn ich höre, wie die Kinder untereinander reden, habe ich nicht die geringste Hoffnung, dass das bei ihm was wird mit der deutschen Sprache. Nicht nach meinen Standards. Bitte, ich rede hier nicht ausschließlich von den Kindern mit Migrationshintergrund, ich verallgemeinere das Ganze. Auch die Deutschen können kein Deutsch, jedenfalls nicht so, wie wir es mal konnten in den früheren Jahren. Oft schreibe ich von der Bildungswüste Türkei.

Dort ist allerdings meine Kritik eine andere, denn dort ist es gewollt, dass die Kinder und Jugendlichen, die späteren Erwachsenen, dumm bleiben. Aber in Deutschland? Industrie 4.0, Digitalisierung, Laber, Laber! Aber mit was für Menschen soll das alles umgesetzt werden? Vielleicht vertue ich mich. Kann es sein, dass einer kein Deutsch kann aber ein Ass im Beruf ist?

Es wird Berufe geben, wo das geht. Ich jedenfalls werde meinen Sohn, sobald sich eine Gelegenheit ergibt die Schulzeit zu unterbrechen, zum Goethe-Institut schicken. Soll er mal ein Jahr richtig Deutsch lernen und den meisten Deutschen weit voraus sein.

Wichtiger Hinweis an die Fremdenhasser. In diesem Beitrag ist der Hauptgrund des Übels nicht die Tatsache, dass wir mehr Menschen mit Migrationshintergrund im Land haben als es früher der Fall war. Es sind durch die Jahre über eine Millionen ‘Gastarbeiter’, wie sie früher genannt wurden, in die Heimatländer zurückgekehrt. Dafür sind andere wiederum nach Deutschland gekommen.

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