Türkei: Die sechziger Jahre

Was es an wichtigen Überschriften gab, möchte ich hier aufzeigen. Sicher ist viel mehr passiert, doch existierte im Unterschied zu heute, die Gewaltenteilung, auch wenn es zugunsten der Mächtigen verbogen werden konnte. Die Türkei war noch säkular und die Bildungsstätten von größerer Qualität.

TIP – Die Türkische Arbeiterpartei
1961 wurde die TIP (Türkiye Isci Partisi), die türkische Arbeiterpartei als erste sozialistische Partei der Türkei gegründet. 1965 nahmen sie erstmals bei den Wahlen teil und bekamen in 54 Städten der Türkei insgesamt 3% der Stimmen. Damals bedeutete das 15 Parlamentssitze. Als 1968 Russland die Tschechoslowakei besetzte, entzweite sich die Partei pro und contra  Russland. Dennoch bekamen sie bei den folgenden Wahlen abermals 3%. Da die Mächtigeren wirkten und die Wahlgesetze änderten, bedeutete das diesmal nur 2 Sitze.

Eller aya biz yaya
Dieser Satz bedeutet frei Übersetzt: „Wir gehen zu Fuß während die Ausländer zum Mond fliegen.“ In den 60ern ein oft benutzter Satz, mit dem die Türken, untereinander natürlich, ihre eigene Unfähigkeit unterstrichen. Den Grund lieferten Juri Gagarin 1961 mit dem Ersten Flug ins All und die Amerikaner 1969 mit der ersten Mondlandung.

Anadol
Auch wenn Devrim (Die Revolution) das erste Auto aus türkischer Produktion war, wurden davon nur zwei Stücke gebaut. Somit war Anadol 1966 das erste Serienfahrzeug aus türkischer Produktion. Da es in der Türkei kein Flachstahl gab, wurde die Karosserie aus Polyester und sonstigem Kunststoff hergestellt. Den Motor lieferte Ford. Zur Markenfindung hatte man das Volk gefragt. Die meisten Stimmen fielen auf Anadolu, Anadol und Koç.

Menderes
Die Sechziger fingen für die Türkei mit einem Putsch an. Am 27. Mai fand dieser statt. Am 17. September 1961 führte die Türkei seinen Ministerpräsidenten Menderes, der fast 10 Jahre regierte, zum Galgen . Die Klageschrift enthielt 13 Überschriften, für die er schuldig befunden wurde. Eine davon war, dass er von den Pogromen am 6. September 1955 gegen griechisch-orthodoxen gewusst habe, dass er in die Staatskasse gegriffen hätte, dass er den staatlichen Radiosender für eigene Zwecke eingesetzt hätte, die Verfassung missachtet hätte u.a. eigentlich viele Dinge, die der Erdogan auch gemacht hat, wofür er sich nicht einmal verantworten muss. Menderes war auch derjenige, der die Dorfinstitute schließen ließ. Man wollte, dass die Landbevölkerung dumm bleibt. So gesehen hat Menderes den Weg von Erdogan geebnet, der fünfzig Jahre später an die Macht kommen und die Türkei gänzlich vom säkularen Weg abbringen sollte.

Süleyman Demirel
Er war Anfang der sechziger als junger Mann auf der politischen Bühne aufgetaucht und wurde 1962 der Generalsekretär der Adalet Partisi (Gerechtigkeitspartei). Mit den aufkommenden Unruhen von 1963 verließ er die Politik und wurde die Vertretung des amerikanischen Bauunternehmens Morrison in der Türkei, bis er dann 1965 wieder in der Partei aktiv wurde und mit 52% der Stimmen die Wahlen gewann. Danach war er immer wieder Mal Ministerpräsident in unzähligen Koalitionen und war ein Gesicht, das die türkische Politik beeinflusste.

Ayhan Işık
Er war einer der populärsten Schauspieler der Zeit.
https://www.youtube.com/watch?v=XBrZuxXQUBg

Fünfjahrespläne
Für die Wirtschaft machte der Staat Fünfjahrespläne, die auch bis vor einigen Jahren immer wieder erstellt wurden. Dass man heute ohne einen Plan agiert, ist mehr wie ersichtlich.

LKW-Land Türkei
In den fünfziger Jahren legte die Demokrat Parti vom bereit erwähnten Ministerpräsidenten Menderes viel Wert auf den Straßenbau. Merkt Ihr die Parallelen zu Erdogan. Das brachte mit sich, dass Anfang der Sechziger das Transportwesen immer wichtiger wurde und die Zahl der LKW stark zunahm. 1966 gründete MAN ein Werk in Istanbul. Es war deren erste Produktionsstätte außerhalb Deutschlands.

Ich, ca. 1961 Hauptbahnhof München. Reisende soll man nicht aufhalten. 🙂

Ich war als Baby und Kind im Gepäck meiner Eltern viel unterwegs. Wir zogen 1959 nach Deutschland, weil mein Vater seinen Doktor an  der TH Aachen machte, 1961 nach Istanbul, 1963 nach Ankara, 1964 nach Aachen, 1966 nach Istanbul, 1968 innerhalb von Istanbul, 1971 nach Deutschland für den langen Aufenthalt. Für mein Empfinden als Kind, waren es sehr schöne Zeiten, die Sechziger, in Deutschland, wie auch in der Türkei. Das Wort Migration hatte zwar eine Bedeutung, wurde aber niemals angewandt. Die Türken aus der säkularen Türkei, die zum Arbeiten nach Deutschland kamen, hatten mit der Religion nichts am Hut. Das alles musste erst durch den politischen Islam in unser aller Leben hinein getragen werden.

Meine Mutter, mein Bruder Memo und ich in den Sechzigern. 1970 kam dann mein Bruder Ömer als Nachzügler.

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