Ein Ekspres, der keiner ist – Über ein Zug mit heilender Wirkung

Aus dem Tagesspiegel von heute. Meine Kolumne gibt es jetzt jeden Mittwoch. Hier mit einer Ankündigung, die Ihr Euch nicht entgehen lassen solltet.

Hallo liebe Leserschaft, mich gibt es ab sofort immer mitten in der Woche. Gibt es eigentlich eine Sonntags- und eine Mittwochsleserschaft, die sich unterscheidet? Wir werden sehen.

Die Oberbürgermeister-Wahlen in Istanbul sind durch und wer 13000 Stimmen zu knapp fand und die Wahlen wiederholen ließ, der hat jetzt mit 750000 Stimmen Abstand eindeutiger verloren. Der Wechsel in der Türkei nimmt seinen Anfang. Somit können sich die Deutschen mitfreuen, denn je schwächer Erdogan wird – und eventuell eines Tages abdankt – umso besser wird es auch Deutschland gehen. Integration hin oder her, die Menschen werden wieder friedlicher miteinander leben können, wenn es den Hetzer Erdogan nicht mehr gibt.

Ich fange mal mit einem Thema an, bei dem keine Hektik aufkommen kann: Dogu Ekspresi (Ost-Express) ist der langsamste Zug der Türkei und genießt doch Kultstatus. „Express“ heißt er, weil es wahrscheinlich besser klingt. Wer in Europa vierundzwanzig Stunden lang mit dem Zug fährt, kann sieben oder acht europäische Länder gesehen haben. Aber wenn es um Dogu Ekspres geht, schafft man gerade mal die halbe Türkei, nämlich 1310 Kilometer. Auch wenn die einfache Fahrt, je nach Klasse und Umtauschkurs zwischen sechs und 29 Euro kostet, gibt es mittlerweile einen Schwarzmarkt für die Tickets. Wer schnell eines ergattern möchte, muss manchmal mehr als einhundert Euro bezahlen. Dreihunderttausend Menschen, zumeist Jugendliche, fahren jedes Jahr mit einer Höchstgeschwindigkeit von 70 Stundenkilometern gemächlich von Ankara aus Richtung Kars, an der Grenze zu Armenien, und zurück.

Der Ost-Express hat eine heilende Wirkung auf die Menschen. Auf einmal merken wir, dass es auch langsamer und gemütlicher geht. Der Zug kann halt nicht schneller. Nach einer Reise mit dem Ost-Express ist man ein anderer Mensch. Die wundervollen Landschaften, die Bahnhöfe und die Menschen muss man auf sich wirken lassen. Haustiere darf man auch mitnehmen, nur müssen diese alle nötigen Gesundheitszertifikate haben. Es ist einige Jahre her, dass ich mit dem Dogu-Ekspres gefahren bin und in meiner Kolumne kann ich schlecht eine vierundzwanzigstündige Reise wiedergeben. Aber wenn ich Euch neugierig gemacht habe, könnt Ihr am Montag, 1. Juli, um 19.40 Uhr eine Produktion meiner Freundin Candan auf Arte sehen. Sie hat sechs Freunde über die gesamte Strecke mit einem Kamerateam begleitet. Seht also selbst! In diesem Sinne: Bis Mittwoch kommender Woche im Tagesspiegel!

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