“Die Türkei braucht blonde Touris mit blauen Augen!”

Da spricht einer Tacheles über die momentane Situation der türkischen Wirtschaft, auch wenn er zwischendurch mit einer seltsamen Forderung kommt.

TÜRKKONFED nennt sich die Organisation und heißt auf Englisch: Turkish Enterprise and Business Confederation.

Der Vorsitzende Orhan Turan äußerte sich heute vor Journalisten. Hier einige Überschriften.

Klein- und Mittelständische-Unternehmen

In einer Zeit wo das Geld sehr knapp ist, weiß diese Gruppe nicht, wie sie zu Geld kommen soll. Die Großen, die das Geld haben, versuchen mit Geld, Geld zu verdienen und die kleinen bleiben auf der Strecke. Auch wenn sie die Geldquellen entdecken, sind die Kredite so teuer, dass sie davon Abstand nehmen müssen, sie in Anspruch zu nehmen.

Turan verlangt nach einer Regelung, wonach Höchstgrenzen gesetzt werden sollen, innerhalb welcher Fristen die Gelder an die Lieferanten zurückfließen sollten. Wenn einer der 350 größten Unternehmen diese Fristen nicht einhält, jetzt kommt die Hammerforderung, soll öffentlich bloßgestellt werden.

Die Unternehmer sind zu Risk-Managern geworden

Seit dem letzten August würden wären die Unternehmer verstärkt zu Risk-Managern mutiert. Die Frage die sie sich stellen lautet nicht „Wie mache ich Geschäfte?“ sondern, „Wie stelle ich es an, dass ich kein Geld verliere?“

Jeder kopiert den anderen

„Wir brauchen Industrieinvestitionen!“ sagt Turan. In der Türkei würden die Unternehmer sich gegenseitig kopieren. Baut ein Industrieller ein Hotel, baut der Nachbar auch eins und weitere folgen. Unternehmen werden verkauft und die Gelder werden in Bauprojekte investiert. Er zeigt auf der anderen Seite Verständnis, denn bei einer Industrieinvestition dauert die Amortisation drei Mal länger als beim Bauen. Die meisten Unternehmer aus den verschiedensten Branchen, hätten mittlerweile in Einkaufszentren investiert. Das könne es nicht sein.

„Wir exportieren, aber verdienen nichts!“

Seit Jahr und Tag liegt der Kilogrammpreis der türkischen Exportware bei 1,47 – 150 USD. Bei Export von Baumaterialien wäre sogar der Kilopreis von 0,57 auf 0,43 USD gesunken. „Was bringt es, wenn wir Stahl, Erdnüsse, Marmor u.v.a. unverarbeitet exportieren und die dann konfektionierten und veredelten Produkte aus diesen Materialien reimportieren?“ Er unterstreicht, dass die Türkei lediglich nur 3% Produkte mit Mehrwert bzw. High-Tech exportieren würde.

Förderprogramme ohne Nutzen

„Wenn wir mit Tausenden von Förderprogrammen nicht schaffen die Wirtschaft in Gang zu bekommen, machen wir etwas falsch.“ Turan sagt, dass er mittlerweile die ständig verkündeten Förderprogramme nicht mehr verfolgen kann. Jeden Tag würde etwas Neues hinzukommen. „Wir sind nicht in der Lage richtig zu diagnostizieren und wissen nicht, ob die Medikamente, die wir dem Patienten verabreicht haben, die richtigen sind.“

„Wenn in einem Jahr 30 Förderprogramme anlaufen und diese zu keinem positiven Ergebnis führen, machen wir etwas falsch.“

Die Finanzspritzen werden zweckentfremdet ausgegeben

„Es ist nicht gut, dass man eine staatliche Finanzspritze dafür einsetzt sein alten SUV zu erneuern.“ „Wenn du nicht produzierst sondern nur konsumierst, vom Ausland abhängig bist wie die Türkei, wirst du immer Probleme haben. Wir müssen eine neue Seite aufschlagen!“

Der Wertverlust der TL erhöht den Export nicht

Turan sagt, dass die türkischen Produkte durch die Schwäche der türkischen Währung immer günstiger werden würden. Unter den G20 Ländern hätte die türkische Lira mit einem Wertverlust von 39% im letzten Jahr die Spitze gezogen. Die Exportsteigerung lag aber nur bei 7%. Auch wenn die türkischen Waren für das Ausland noch günstiger werden würden, solange man keine Produkte mit Mehrwert exportiert, könne man auch die 250 Milliarden USD Grenze schwerlich erreichen (für 2023 waren 500 Mrd. USD Exporte ausgerufen).

Der Unternehmer möchte exportieren, aber wie?

Turan sagt, dass der anatolische Unternehmer unbedingt exportieren möchte. Diese wüssten, dass nur Deviseneinnahmen die Rettung wären. Er wäre auf ausländischen Messen, sogar in China, türkischen Unternehmern begegnet, die ohne Sprachkenntnisse aber mit einer Aktentasche unter dem Arm unterwegs waren.

Freie Marktwirtschaft schon, aber wie viel davon?

Turan sagt richtigerweise, dass zwar die freie Marktwirtschaft herrsche, jedoch die Unternehmer blind und unwissentlich in Bereiche investierten, die vom Hause aus schlecht liefen. So würde man in Sektoren investieren, die derzeit eine Kapazitätsauslastung von 30% hätten. Der Staat müsse die Unternehmer warnen.

Auch der Tourismus braucht Ideen und Innovationen

Turan sagt, dass der Tourismus ähnliche Krankheiten aufweisen würde. Die Pro-Kopf-Ausgaben der Touristen wären auf 649 USD zurückgegangen. Die Konkurrenzländer der Türkei lägen bei 1.100 EUR pro Touristen. „Die Türkei braucht TouristInnen mit blonden Haaren und blauen Augen.“ eigentlich sagt er ‘grüne Augen’ und meint die Europäer. Die Russen würde man in die Hotels einquartieren und abfertigen, ohne groß daran zu verdienen. Den Mehrwert müsse man auch im Tourismus schaffen.

„Wir müssen globale Marken schaffen!“

Das sagt der gute Turan auch, wie alle anderen Unternehmer, nur wie soll das funktionieren? Viele, die das Geld hätten um eine ausländische Marke zu kaufen, hätten Bedenken, ob sie die Markenführung schaffen könnten und würden es am Ende seinlassen.

GO2TR.de: Ich bin dem Orhan Turan dankbar, dass er den Journalisten alles in dieser Offenheit sagte. Eigentlich exakt die Inhalte, für die mich die AKP-Anhänger u.a. kritisieren, wenn ich sie erwähne. So und nicht anders funktioniert leider die türkische Wirtschaft. Ein Weiterkommen kann nur eine Momentaufnahme sein, denn für dauerhaft starken Wachstum müssen wir in erster Linie uns und unser Denken ändern. Geht das? Eher nicht!

Quelle: Dunya

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