Die Anständigen haben gesiegt

Gestern war ein schöner Tag. Da ich die Türkei liebe, war es für mich so, als hätte ich sechs Richtige im Lotto gewonnen. Der rohe, menschenverachtende Mann ohne Anstand, der Alleinherrscher, hat schweren Schaden genommen.

Die Türkei hat gezeigt, dass der Funke der Demokratie in ihr nicht erloschen war. Demokratie ist ein weitläufiger Begriff, den man auch in Anspruch nimmt, wenn es ziemlich undemokratisch zugeht. Eine Nacht drüber schlafen, was ich tat und weitermachen.

„Wer Istanbul hat, hat die Türkei“ sagte schon der Meister Erdogan. Es ist aber noch viel mehr erreicht worden. Alle großen Metropolen der Türkei sind in oppositioneller Hand. Es herrscht der Zustand, dass die Opposition den Körper besitzt und der Alleinherrscher das Herz (manchmal auch aus Stein). Klar, hängen wir alle vom Herzen ab, aber das Herz hängt auch vom Rest ab. Der Pachtvertrag über die Arterien die zum Herzen führen, ist dem Alleinherrscher gekündigt worden. Eine Wahl zu gewinnen und vom „Sieg der Demokratie zu sprechen“, entschuldigt, das ist auf die Euphorie zurückzuführen, die das Land gestern mehrheitlich erlebt hat.

Sogar die Hochburgen der AKP kippten und wählten den Oppositionellen Imamoglu. Istanbul ist 20% (Bevölkerung) der Türkei, das Herz der Türkei. 40% des Bruttoinlandproduktes wird hier erzeugt und viel wichtiger, fast 90% der Industrie wird von hier aus gelenkt.

Heute haben wir den Zustand, dass der Alleinherrscher alle Macht innehat, aber weiß, dass er so ziemlich alleine ist und demnächst sich auf seine blinden Richter und Staatsanwälte und dem Polizeiapparat sich verlassen muss. Er hat bis heute, wenn man seine ersten Jahre mal vergisst, nicht zum Wohle der Türkei regiert. Immer ging es im um Macht. Er und sein Umfeld haben die Türkei ausbluten lassen.

Jetzt hätte er mal die Gelegenheit die marode Wirtschaft anzugehen und etwas Gutes zu tun. Überhaupt eine Lösung anstreben, dass man sagen könnte – er habe es versucht. Das ist aber noch in weiter Ferne, zumal die wirtschaftliche Situation erst nach dem Gang zum IWF in Ordnung kommen kann.

Die private türkische Wirtschaft und deren Lenker sind flexibel und widerstandsfähig. Einige wenige Impulse und einige strukturelle Entscheidungen die Wirtschaft betreffend und alles würde sich innerhalb kurzer Zeit erholen. Da bin ich mir ganz sicher. Nur hat der Alleinherrscher und Narzisst Erdogan jetzt das Pech, dass man die gute Entwicklung Imamoglu zuschreiben würde. Ein Pech auch, dass er vorher nichts tat, was der türkischen Wirtschaft hätte nutzen können.

Dass die Zeit von Erdogan abgelaufen ist, ist die falsche Formulierung. Niemals wird er mehr so stark sein wie am jeweiligen Vortag, aber er wird uns schon spüren lassen, dass er das Sagen hat. Jetzt muss er seinen Polizeiapparat und seine Richter öfter einsetzen.

Mit Imamoglu ist der richtige Mann am Horizont der Türkei aufgetaucht, ohne Zweifel. Jetzt heißt es aber, ihn hegen und pflegen, damit er weiterkommt und aus Istanbul die Impulse senden kann, die wir uns für die Türkei erhoffen.

Jetzt hat die oppositionelle CHP die Zeit, nämlich fünf Jahre, den Oppositionsführer Kilictaroglu von seinem Stuhl, an dem er festzukleben scheint, zu lösen. Die CHP muss endlich aufhören immer die zweite Kraft im Lande sein zu wollen. Wenn man weiß, was für Betonköpfe in der Partei sind, bleibt es bei der Hoffnung. Imamoglu haben wir noch vor dem letzten Winter auch nicht kommen sehen. Also stirbt die Hoffnung zuletzt.

Ich möchte zumindest in Istanbul und den Metropolen der Türkei, dort wo die Opposition am regieren ist, sehen, dass die Rechte und der Gleichstellung der Minderheiten spürbar voranschreitet, dass diese Besserung jeden Tag Nahrung bekommt. Ich möchte, dass man mehr von Anstand und den Menschenrechten spricht. Fangen wir langsam an, der Wechsel ist angeschoben worden.

Der besseren Aufmerksam wegen, möchte ich Canan Kaftancıoğlu zuletzt erwähnen. Sie ist die starke und stille Kraft hinter dem neuen OB von Istanbul. Sie hat Imamoglu den Rücken freigehalten und die 200.000 WahlhelferInnen organisiert, die über die Wahlen gewacht haben. Ich gehöre zu denen, die ihr immer dankbar sein werden. Sie ist die Vorsitzende der Sozialdemokraten in Istanbul.

Die Dankesrede von Imamoglu

Auf diese Rede kann er sich immer stützen. Die Rede war hervorragend formuliert. Er hat sie alle in die Pflicht genommen Istanbul um damit sein Tun zu unterstützen.

Denn das Stadtparlament ist mehrheitlich AKP. Wer Istanbul und ihn nicht unterstützt, wird sicherlich im Rahmen dieser Rede schlecht dastehen. Dafür sorgt er schon. Ich genieße den Tag. Die Männer und Frauen mit Anstand sind wieder zurück in der türkischen Politik.

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