Bayram – Die Bauchtänzerin gehörte dazu

Ich wünsche allen meinen muslimischen Freunden ein Frohes Zuckerfest. Auch wenn ich kein gläubiger Mensch bin, weil ich mich damit nicht aufhalten möchte, so haben mir die religiösen Feiertage früherer Zeiten in der Türkei immer gefallen, allerdings solange man mich damit nicht behelligte.

Meine Mutter wurde schon Tage vorher ganz hektisch. Was sollte man einkaufen, damit man genug Essbares und Leckereien zuhause hatte und niemals überrascht werden konnte, wenn zu viele da waren. Schließlich besuchten die Nachbarn, die Freunde und die Verwandten sich gegenseitig und zwar in ihren besten Klamotten.

Wenn Besuch kam, so lief ich voller Hoffnung herum, dass mir jemand Geld wie üblich zustecken möge. Die älteren Frauen taten die Beträge zumeist in selbstverzierte Taschentücher. Die Gegenbesuche wurden für mich zur Qual.

Die Älteren streckten immer die Hände vor, damit man sie küsste. Schon damals wollte ich selber entscheiden, was ich tue und wie ich es tue. Kam es über mich, so griff ich die Hand des Betreffenden und küsste. Dann gab es aber welche, die die Hand in Erwartungshaltung so ausstreckten als wollten sie sagen: „Fackel nicht lange rum und küss endlich meine Hand.“

Es ist ja nicht nur so, dass man von Tür zu Tür geht, nein, zuerst vor der Tür die Schuhe ausziehen, Hände küssen, oder über sich ergehen lassen, bis man von allen geküsst wurde, mit der Bemerkung: „Du bist aber gewachsen, seit dem letzten Bayram“. Was hätte ich den tun sollen, klein bleiben? Das ist nun mal der Lauf der Dinge, man wächst.

Sich bei der Anzahl der Besucher einen guten Sitzplatz zu ergattern war nicht einfach. Die Kinder mussten zumeist auf dem Boden sitzen. In jedem Haus gab es für die Erwachsenen entweder Tee oder Türkisch Mokka. Nur die Müdigkeit der Besuchsgänge machte ein Schlafen an den jeweiligen Nächten möglich, ansonsten hätten meine Eltern bei der Menge an Kaffee und Tee sicher eine Woche wachbleiben können.

War der Bayram vorbei, erinnerte auch nichts mehr daran, dass wir Bayram gehabt hatten. Evtl. die vielen Süßigkeiten und Schokolade, die nicht verzehrt wurde. Auch waren die Menschen wieder auf den Alltag eingestimmt. Es wurde geflucht, betrogen, der Waffenstillstand gegenüber den Frauen und Mädchen wurde aufgehoben und überhaupt. Es ging wie gehabt weiter.

Ach ja, an Elektronik gab es den Fernseher und spezielle Festtagskonzerte, wo die ganze Familie vor dem Schirm saß und die türkischen Stars und Sternchen bewunderte. Als Kind wartete auf die Bauchtänzerin um mich nach jedem Bauchtanz zu fragen, wie die Bauchtänzerinnen ihre Busen so fixierten, dass sie nicht raussprangen. Später, nach dem ich Physikunterricht hatte, wurde die Frage umso unerklärlicher.

Heute werden die Abläufe zum Bayram zumeist durch ein SMS, Messenger bzw. Whatsapp-Message erledigt. Dass es sich dabei um Massenmails handelt, merkst du, dass einer den Du gut kennst, Dich auf einmal siezt.

Nun gut, jeder wird die Feiertage auf seine Art und Weise erleben. Aber, Fakt bleibt, es ist nicht mehr das, was es früher mal war.

Die Geldscheine steckte man in solcher Tücher. So hatte man am Ende Geld + 1 Taschentuch.

Das könnte Dich auch interessieren …