Vom Fasten und fast Fasten

Mein Beitrag aus dem TAGESSPIEGEL von heute (Kultur/Weltspiegel).

Derzeit haben wir den Ramadan. Die islamische Welt fastet. Beziehungsweise diejenigen, die es möchten und können. Der Ramadan dauert noch bis zum 4. Juni. Wann genau man das letzte Mal am Tag essen darf und wann das sogenannte Fastenbrechen dran ist, hängt von den Zeiten ab, zu denen die Sonne auf- und untergeht.

Meine Mutter pflegt, nein, sie pflegte einige Rituale des Islam. Auch das Fasten. Während die Masse der Türken den Koran in Arabisch – also ohne zu verstehen – liest, liest sie die türkische Übersetzung. Einmal, als sie zwei Operationen hinter sich hatte und viele Medikamente nehmen musste, rieten wir ihr vom Fasten ab. Sie wollte aber unbedingt von ihrem Hausarzt wissen, was er dazu sagen würde. Kurze Zeit später kam sie freudestrahlend nach Hause und sagte: „Ich darf fasten!“ Sofort galoppierten bei mir die grauen Zellen. „Das hat der Arzt dir erlaubt?“ Sie bejahte. Wie sollte das gehen?, fragte ich mich. Also besuchte ich den Arzt – ohne es ihr zu sagen. „Sie haben meiner Mutter das Fasten erlaubt?“ „Kein Problem, Herr Dener, wenn sie das schon immer gemacht hat, warum nicht? Sie soll nur ihre Medikamente einnehmen und viel Wasser trinken, das ist wichtig.“ „Sie wissen aber, dass man beim islamischen Fasten gar nichts essen und trinken darf – manchmal zwanzig Stunden am Stück?“ Der Arzt fasste sich an den Kopf. „Herr Dener, kontaktieren Sie sofort ihre Mutter, das wäre ihr sicherer Tod.”

Als ich die Situation bei meiner Mutter aufklärte, fragte ich sie, ob sie gedacht hätte, dass der Arzt weiß, wie man im Islam fastet? Oder ob sie dachte, dass er sowieso nicht wüsste, wie das ist – in der Hoffnung, dann die erhoffte Antwort zu bekommen. Sie schmunzelte.

Einmal stiegen wir mit meinem Vater in den Flieger, um von Köln nach Istanbul zu fliegen. Es war Ramadan. Die Reisenden hatten viel Essbares dabei, um während des Fluges das Fasten zu brechen. Von Türkisch-Pizza über Zwiebeln, Käse und Oliven Mein Vater vertrug die verschiedenen Gerüche nicht, ihm wurde immer schlecht davor. Also ging er zur Stewardess nach vorne und kurze Zeit später kam die Durchsage, dass ein Fastenbrechen erst nach Sonnenuntergang möglich wäre. Die Kölner Zeittafel hätte während des Fluges keine Gültigkeit, weil wir an einem anderen Längen- und Breitengrad wären. Während wir mit einigen wenigen das aßen, was uns aufgetischt wurde, mussten alle anderen bis Istanbul hungern: Die Sonne ging bis zur Landung nicht unter.

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