Die neue Form der Wirtschaftsförderung: Gefängnisbau

Ihr werdet ganz schön staunen, wenn Ihr erfährt, wie viele Gefängnisse seit 2006 in der Türkei gebaut wurden. Bezeichnend ist auch, dass es nicht vor 2006 losging. 2004 nämlich, wurde Herr Erdogan zum ‚Europäer des Jahres‘ gekürt. Das hallte sicher noch nach, dass man deshalb erst 2006 mit dem Gefängnisbau begann. Bis 2019 wurden 166 neue Gefängnisse gebaut. Die Gesamtzahl: 396

Die Kapazität der Gefängnisse beläuft sich auf 220.000 und laut einer Aussage des Justizministers vom Oktober 2018 sitzen 260.000 ein. Wie viele noch in den letzten sechs Monaten hinzu gekommen sind weiß ich nicht, aber sicher nicht zu wenige. Diese Einschätzung beruht auf die Tatsache, dass derzeit noch 91 Gefängnisse in Bau befindlich sind.

48 von diesen Gefängnissen wird für 9 Milliarden TL vom Justizministerium finanziert und gebaut. Ob man wie bei den sonstigen Ausschreibungen auch den Erbauern Belegungsgarantien gibt, weiß ich nicht, aber die Garantien könnten sicher, im Gegensatz zu anderen Mega-Projekten, wo der Staat an die AKP-Unternehmer den Differenzbetrag bezahlt, locker eingehalten werden. Jeder ist ein potentieller Terrorist in diesem Land.

Interessant ist, dass 43 der Gefängnisse von den Insassen selber gebaut werden. Könnte „Bau dir deine Unterkunft selber Projekt“ heißen. Ihr sollt aber nicht glauben, dass die Häftlinge dieses umsonst tun. Sie bekommen täglich 15 TL dafür. Das sind nach heutigem Umtauschkurs ca. 2,20 Euro, an Tag wohlgemerkt.

Der Generaldirektor der türkischen Gefängnisse sagte mal vor dem Parlament, dass die neuen Gefängnisse alle bisherigen Standards sprengen und fünf Sterne Qualität anbieten würden. Da werden sich die neuen Häftlinge aber mächtig freuen.

Wenn Ihr denkt, damit ist Ende, irrt Ihr Euch gewaltig. 102 weitere Gefängnisse sollen bis 2023, dem 100. Jahrestag der Republik fertiggestellt werden. Es ist somit anzunehmen, dass die halbe Nation den 100. Jahrestag vom Gefängnis aus verfolgen wird.

Da in der Wirtschaft alles stillsteht, freuen sich einige Bauunternehmen, dass sie wenigstens Gefängnisse bauen dürfen. Die Regierung schlägt somit zwei Fliegen mit einer Klappe. Zufriedene Bauunternehmer, zufriedene Häftlinge.

Noch was! Die Künstler, die bis heute geschwiegen haben, wurden bei dem Erfolg des rechtmäßig gewählten OB’s von Istanbul, Imamoglu, übermütig, dass sie den Hashtag-Slogan aussprachen und in den Sozialen Medien teilten: „Es wird alles sehr schön werden“. Prompt verlieren sie einer nach dem anderen ihre Rollen und Aufträge.

Das könnte Dich auch interessieren …