Als die Dampfloks noch fuhren, spielten wir Feuerwehr

Also wurde nichts mit der Türkei und 4,5 Jahre ohne Wahlen. Um mich nicht zu wiederholen und das zu schreiben, was andere auch schreiben, erzähle ich Euch mal, wie wir früher Feuerwehr spielten.

Die rot markierte Fläche zeigt unser Haus bzw. unseren Garten. Auf der grün markierten Fläche stand eine unbewohnte Residenz eines türk. Industriellen. Prachtbau, hauptsächlich aus Marmor. Rest waren Grünfläche mit Bäumen umrandet. Von uns zur Eisenbahnlinie waren es knapp 200 Meter.

Zum Sommer hin wurde es höllisch heiß in Istanbul. Es gab Sommer, wo wir 3-5 Monate kein Regen abbekamen. Da bestand natürlich Waldbrandgefahr. In der nähe hatten wir nur die Grasfläche (ca. 1.000 x 1.500m) von uns bis zu den Eisenbahnschienen und einige Bäume drumherum. Eigentlich sollte man denken, dass mitten in der Stadt, wo wir nun mal waren, kaum Waldbrand ausbrechen konnte. Weit verfehlt. Denn es fuhren bis ca. 1975 immer noch einige Dampfloks, die mit Kohle angetrieben wurden.

Ein kleiner Funken Richtung Grasfläche, wo schon alles ziemlich vertrocknet war und schon ging es los. “Feuer, Feuer!” riefen die, die das Feuer als erste gesehen hatten und schon rannten die Menschen aus den umliegenden Häusern mit den Wassereimern, die bereitstanden los (bis 1975). Wir machten als Kinder mit, obwohl unsere Wassereimer bis zum Ort des Geschehens, von der ganzen Lauferei fast schon leer waren. Wir hörten aber nicht auf. Das was im Eimer war ausschütten und zurück. Wenn wir das Feuer im Griff hatten und löschten, kam auch schon die Feuerwehr. Damit das Bild stimmte, spritzen sie Wasser auf die verbrannte Erde. Es gab auch Brandtage, wo wir nichts machen konnten. Wie so oft im Sommer der damaligen Zeit, gab es kein Wasser in den Leitungen. Es gab Phasen, wo wir manchmal Stunden, aber auch an 1-2 Tagen ohne Wasser waren.

Wie stark die Bautätigkeit in der Türkei ist und wie schnell das Grün verschwindet, konnte ich an dieser einen Stelle besonders gut feststellen. Ihr seht die hohen Gebäude auf der grün markierten Fläche. Diese existierten bereits von den 80er Jahren. Auch die Straßen dazwischen entstanden neu. Von den Gebäuden, die Ihr auf dem Satellitenfoto seht, auch außerhalb der grünen Fläche, entstanden 90% innerhalb von 3-4 Jahren. Die tolle Residenz vom Industriellen stand unter Denkmalschutz und wie in der Türkei üblich, wurde es abgefackelt. Wir konnten im Nachhinein sogar die Benzinkanister, über 20 Stück, die dort im ausgebranntem Zustand von der Polizei ausgestellt wurden, sehen. Schon damals fragte man sich, warum die Feuerwehr erst nach 45 Minuten kam, obwohl die Feuerwache doch 500 Meter Luftlinie entfernt war.

In der Türkei gibt es über 300.000 Bauunternehmer. So kann sich jeder nennen, der vorhat zu bauen. Als Grundstücksbesitzer macht man in der Regel 50/50. Also bekam er die Hälfte der Wohnungen für sich und finanzierte sich über deren Abverkauf. Auf dieser besagten Straße gibt es für den Bauunternehmer nur noch 30%, wenn überhaupt. Da man aber mittlerweile im Rahmen der Urbanen Transformation in den Städten viel höher bauen darf, lohnt sich das durchaus.

Die urbane Transformation, eigentlich Deformation, ist besonders in den Großstädten der Türkei im vollen Gange. Da die Menschen in der Bauphase ihre Wohnungen verlassen und zur Miete wohnen müssen, zahlt der Staat dem Bauherren, der das dann an die Parteien, die zur Miete wohnen müssen weitergibt, 2.000 TL/Monat. Das führte in Istanbul zur Verteuerung der Mieten. Die Vermieter dachten sich “Ich bin doch nicht von gestern” und verlangten für baufällige Mietwohnungen exakt diese 2.000 TL Miete. Zum Vergleich: Der Mindestlohn liegt bei 2020,90 TL/netto/Monat.

70% der Wohnungen in der Türkei sollen ohne Genehmigung, oder unter Missachtung der Bauvorschriften gebaut worden sein. Also gibt es noch viel zu tun, wenn mal die Krise vorbei ist. Auch in späteren Jahren wird die rege Bautätigkeit den falschen Eindruck vermitteln, als würde die türkische Wirtschaft wachsen, dabei bauen wir doch nur, dann aber auf Teufel komm raus.

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