Onkel Vartkes war ein Straßenverkäufer

Ich war noch klein und hatte das große Glück, in einer Stadt wie Istanbul, in einem Haus mit Garten und das mitten in der Stadt, aufzuwachsen. Der Stadtteil hieß Bostanci und die damalige Straße ist die heutige Prachtstraße Bagdat Caddesi.

Wenn ich heute zurückdenke, erinnere ich mich daran, dass Glockenklänge oft am Tag zu hören waren. Nicht von irgendeiner Kirche, die es in der Nähe nicht gab, aber von Straßenverkäufern. Alle hatten sie Glocken, mit dem sie ihr Kommen aus der Entfernung schon angekündigten. Dazu noch Rufe wie „Der Eismann ist da!“, „Frische Tomaten, frische Tomaten“ …

Besonders die Obstverkäufer waren unsere Hoflieferanten. „Abla (Schwester), das Beste habe ich für dich aufgehoben“ sagten sie, aber das sagten sie wohl zu jedem. Es scheint aber auch jedes Mal gestimmt zu haben, denn wir kauften immer bei den gleichen.

Hier ein Kastanienverkäufer. Fliegende Händler gibt es heute noch. Sie müssen sich aber vor städt. Beamten in Acht nehmen. Straßenverkauf ist illegal. (Foto: 1957 Istanbul)

Es gab auch Vartkes Usta, ein Armenier. Das stelle ich deshalb so heraus, weil damals jedem egal war, wer wer war. Usta bedeutet Meister und das war er wahrlich. Nichts, was er nicht reparieren konnte. Auch verkaufte er Schrauben, Nägel, Gummibänder, Dichtungen u.a. Tropfende Wasserhähne zu reparieren, machte, glaube ich, fünfzig Prozent seiner Beschäftigung aus. Auch, wenn es nichts zu reparieren gab, schaute er bei uns vorbei. Er kannte noch meine Großmutter und erzählt immer von ihr, was für eine tolle Frau sie doch war und dass er bei ihrer Beerdigung im Trauerzug ganz vorne dabei war. Sie muss wahrlich eine Perle gewesen sein, denn an der Beerdigung sollen über Eintausend Menschen teilgenommen haben. Dabei war sie Hausfrau. Also muss sie vielen Gutes getan haben, dass man sie so mochte.

Bei der Wanderlust unseres Vaters, mussten wir weiterziehen. Wieder ging es ab nach Deutschland. 1971 waren wir dann in Frankfurt angekommen. Die Wohnung war ‚An der schönen Aussicht‘ und so war auch die Aussicht. Direkt am Main und hinten der Henninger Turm. Wir waren erst einige wenige Monate dort, als eines Tages die Tür klingelte. Eigentlich klingelte die Tür nur, wenn der Briefträger kam. Dieses Mal aber Geschreie der Freude. „Das gibt es doch nicht sagte!“ meine Mutter und dann sah ich schon drei Personen das Wohnzimmer betreten. Meine Mutter, Vartkes Usta und seine Frau. Fast hätte ich gefragt: „Onkel Vartkes, reparierst du jetzt in Deutschland?“

Sie waren nur auf der Durchreise. Ihr Sohn war in die USA ausgewandert und sie wollten ihn dort besuchen. Da sie einen Tag in Frankfurt verbringen würden, haben sie sich die Mühe gemacht und bei meinem Onkel in Istanbul, der auch der Hausarzt von Vartkes Usta und seiner Familie war, unsere Anschrift geholt.

Die Überraschung war perfekt. Es wurde viel über die alten Zeiten gesprochen.

Einige Jahre später telefonierten wir noch mal mit Vartkes Usta. Das Leben hatte einen wundersamen Lauf für ihn genommen. Eigentlich wollte er zwei Monate bei seinem Sohn bleiben und dann wieder auf die Straße, zu seinem Geschäft, nach Istanbul zurückkehren. So reiste er aber mit 60 Jahren in die USA und blieb für immer da. Er sah, wie der Nachbar von seinem Sohn einen Fernseher vor die Tür stellte und erfuhr, dass in den USA fast nichts repariert werden würde. Die alten Teile stellte man vor die Tür und fertig. Er meinte, dass es zu schade wäre und fing an, in der Nachbarschaft kleine Reparaturen durchzuführen. Mit dem Ergebnis, dass er nach drei Monaten schon bimmelnd, aber dieses Mal mit einem Pickup die Straßen rauf und runter fuhr. Vartkes Usta lebte nach sechzig Jahren den amerikanischen Traum. Mit seinem Sohn, der bei der Ankunft des Vaters in den USA arbeitslos war, baute er einen Reparaturdienst auf Rädern auf. Sechs Fahrzeuge fuhren durch Los Angeles und reparierten so ziemlich alles. Die Angestellten waren alle aus der Türkei. Als wir das vorletzte Mal von Vartkes Usta hörten, hatte er trauriges zu vermelden. Sein Sohn war verstorben. Bei einer Feierlichkeit schossen einige in die Luft. Eine Unart, was in der Türkei oft verbreitet ist. Dabei wurde er von einer Kugel getroffen. Vartkes Usta blieb in den USA und verstarb mit 81 Jahren als wohlhabender Mann. Sein letzter Wille war, dass er in Istanbul seine letzte Ruhestätte findet. So waren einige aus unserer Familie, an der Spitze mein Onkel, auf seiner Beerdigung, am Armenischen Friedhof in Kadiköy. So, wie er bei meiner Großmutter dabei war, so haben wir ihm die letzte Ehre erwiesen.

Ich hoffe, dass einige daraus ihre Lehren ziehen und merken, dass ein friedliches Miteinander das schönste auf Erden ist. Viele sagten damals „Wie, ihr trefft Euch mit einem Straßenverkäufer?“ Ja, darum sind wir zu beneiden, dass wir Vartkes Usta kennenlernen dürften, mit all seiner Güte und Gutmütigkeit. Ruhe in Frieden Onkel Vartkes.

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