Ein Gebäck namens Ostern

Meine Kolumne von heute. TAGESSPIEGEL / Kultur / Weltspiegel. Über Glaube, Tradition und Macht.

Ostern hat in der Türkei keine Bedeutung. Dabei könnte der Türke, der Fantasy-Geschichten kennt und liebt, durchaus daran glauben, dass einer ein unvergängliches Leben hat und die Macht des Todes durch seine Auferstehung besiegt. Dann aber dürfte dieser jemand nicht Jesus heißen.

Ostern heißt im Türkischen „Paskalya“ so heißt auch ein Gebäck. Paskalya ist eigentlich ein Osternest aus Gebäck. Alle alteingesessenen Istanbuler kennen es. Es gibt Patisserien, die ihren Ruf darauf gründen, einen besonders guten Paskalya zu machen. Mehr Österliches kommt in der Türkei nicht mehr vor. Die meisten, die Paskalya gerne essen und wissen, dass dieser mit Butter viel besser schmeckt, wissen nicht, dass das Gebäck, das es nicht nur zu Ostern gibt, eigentlich „Ostern“ heißt. Würde man jetzt darauf rumhacken, würde Ankara dafür bestimmt einen anderen Namen erfinden und verbieten es „Paskalya“ zu nennen.

Dieser Tage hätte man nicht einmal Zeit, die islamischen Feiertage zu feiern. Herrn Erdogan ist nicht mehr nach Feiern zumute. Seitdem die AKP die zehn wichtigsten Städte bei den Kommunalwahlen verloren hat, beschäftigt man sich ausschließlich damit. Um genau zu sein: mit Istanbul. Eine Stadt wie Istanbul ist die Hauptfinanzierungsquelle des politischen Islam. Die wichtigsten islamischen Organisationen und Stiftungen bekommen aus der Stadtkasse Geld. Auch gibt es – das sagen einige Beschäftigte der Stadt – mehr als 50 000 Bedienstete, die nur Gehalt kassieren, aber nicht für die Stadt arbeiten.

Bedenkt man, dass seit siebzehn Jahren alle Ausschreibungen – wenn nicht an ausländische Unternehmen – ausschließlich an AKP-nahe Firmen gehen, versteht man besser, dass Istanbul eine Geldquelle ist, die unmöglich an die Opposition gehen darf. Die Stimmen werden gezählt. Und gezählt, nochmals und abermals. Bildlich kann man sich das wie bei einem Boxkampf vorstellen. Der angeschlagene Boxer des Faschistenregimes liegt am Boden und der ebenfalls faschistische Ringrichter ist bei 22 871 angekommen und zählt immer noch weiter, damit die Niederlage nicht amtlich wird.

Würde der Ringrichter aufhören zu zählen, wären er und der angezählte Boxer erledigt – aber auch der Sieger, weil er nicht gewinnen darf. Erdogan kann seine große Liebe und Geldquelle Istanbul, die er zur Hauptstadt machen wollte, eigentlich gar nicht hergeben. Man kann sich so oder so auf schlimme Zeiten gefasst machen. Frohe Ostern!

Paskalya von Baylan in Kadiköy schmeckt besonders gut.
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