Vom Tod der Orange

Meine Kolumne aus dem TAGESSPIEGEL von heute. Ahmet Refii Dener über einstmals blühende Zitrusgärten.

In den zwanziger Jahren heiratet ein reiches Mädchen, einen armen Jungen. Beide leben in Alanya. Der Vater des Mädchens besitzt eine Orangenplantage. Das ist zu der Zeit viel. Der Junge ist Agraringenieur. Ein Beruf, auf den die junge Republik setzt. Damals wie heute: ein schlecht bezahlter Beruf. Agrar bedeutet Zukunft, glauben viele. Es entstehen große Orangen-, Mandarinen- und Zitronengärten. Auch wenn die Bewässerungskanäle denen aus Rom vor 2000 Jahren gleichen – es funktioniert.

Damals wird die Orange noch mit der Schere geschnitten. Die Früchte werden sortiert, einzeln in Papier gewickelt und in Holzkisten, die mit Jutesäcken ummantelt sind, verpackt. Die Anzahl der Orangen wird auf die Säcke geschrieben. Straßen fehlen, also muss die Ware verschifft werden. Die am Hafen gestapelten Holzkisten, voll mit Orangen, warten auf die Abholung. Bei schwerem Seegang kommt es im Winter oft vor, dass die Ware noch am Hafen verdirbt.

Der Sohn des Paares ist ebenfalls Agraringenieur. Ein mit Orangen finanziertes Studium. Er legt sich mächtig ins Zeug und die Gärten werden ergiebiger. Er expandiert und legt Plantagen an und startet Versuche mit anderen Zitrussorten. Zu dieser Zeit werden die Zitrusfrüchte sogar nach Saudiarabien und Russland exportiert. Der Staat fördert Agrarexporte.

In der Stadt geht der Massentourismus los, es wird viel gebaut. Orangengärten verschwinden. Die Züchter setzen auf die Hotellerie, schließlich lieben Touristen frischgepresste Säfte. Es kommt anders. Der Tourist merkt nicht, dass man durch die Säfte durchschauen kann – farbiges Wasser mit Orangenaroma.

Der Sohn verstirbt zu früh. Die Gärten werden vom Enkel geführt. Mittlerweile geht es nur noch um deren Erhalt. Die AKP baut ein Staudamm und verspricht der Agrarwirtschaft von Alanya vieles. Die Region, die bewässert werden soll, braucht keine Bewässerung mehr. Das Grün wird gegen Hotelbauten getauscht. Das Logo der Stadt, die Orange, gibt es nicht mehr. Während der Enkel versucht, die Gärten zu erhalten, schießen die Devisenkurse in die Höhe. Die Preise von Düngemitteln und Pestiziden verdoppeln sich. Die Obsthändler wissen um die Not und bieten nur noch den halben Preis. Das Schicksal der Orange ist, wie das Schicksal des Landes. Die Orange ist tot und die Abhängigkeit vom Ausland nimmt zu.

Derzeit ist der Zitruszüchter lediglich froh, nicht zu den Terroristen, oder zu denen gezählt zu werden, die eine terroristische Organisation unterstützen.

Inspiriert durch eine Erzählung von Feyzi Açıkalın. Alanyaner, Zahnarzt, Cumhuriyet Kolumnist.

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