Türkei: Mein Hobby ist mir abhanden gekommen

Die Menschen in der Türkei sind mit dem Überlebenskampf dermaßen beschäftigt, dass sie kaum mehr Zeit für Hobbies haben und das nicht seit gestern. Wenn wir das ‘Balkonpflanzengießen’ und auf die schnelle erdachte Antwort ‘Meine Kinder sind mein Hobby’ weglassen, bleibt nicht mehr viel über. Als ich zur Betreuung meiner Auftraggeber öfter in der Türkei war als in Deutschland, da wollte ich auch mein Hobby aus Deutschland mit rüber nehmen. Rennpferde und -Zucht füllte mich in Deutschland voll aus. Jede freie Minute war ich entweder beim Training von Rennpferden, oder auf der Rennbahn zugegen. Es kam oft vor, dass ich um 5 Uhr in der Frühe beim Training auf der Rennbahn war und um 9 Uhr schon wieder bei einem wichtigen Geschäftstermin.

Als ich dann in Istanbul lebte, begab ich mich anfänglich, so oft es ging, auf das Veliefendi Hippodrom. Dabei muss man wissen, dass der Jockey Club of Turkey und die Pferderennen und -Wetten in der Türkei einen Paralleluniversum darstellen. Sie sind der Zeit voraus und der restlichen Türkei, meilenweit voraus. Nur ein Beispiel zum besseren Verständnis: Als man im Land Testsendungen für schwarzweiß TV ausstrahlte (2 Stunden am Tag), gab es auf der Rennbahn Farbfernsehen für die Rennbahnbesucher. Im Land gibt es über 20.000 Wettannahmestellen, obwohl Wetten im Islam verboten sind.

Veliefendi Rannbahn – Istanbul (Foto: TJK.org)

Ich fand im Jockey Club, obwohl ich viele persönlich aus dem Geschäftsleben kannte, keinen Anschluss. Versnobte, hochnäsige Leute, die unter sich bleiben wollten. Dabei kannte man mich dort ganz gut, zumal ich der erste war, der einen Rennpferd aus Deutschland, für international ausgeschriebene Rennen, 1993 nach Istanbul brachte. Das Pferd hieß Colon, der Besitzer war das Gestüt Fährhof von Walter Jacobs (Jacobs Kaffee), der zu seinen Lebzeiten eines der bedeutendsten Zuchten in Deutschland und International aufbaute.

Wenn wir bei den Hobbys bleiben, so gibt es sicher einige wenige, die einem Hobby nachgehen, aber dann sind das als wohlhabend zu bezeichnende Menschen. Wer z.B. drei Reitstunden haben wollte, muss dafür einen Monatslohn (ausgehend vom Mindestlohn) bezahlen und auch sehr weit fahren.

Kann es mit dem Kulturraum zusammenhängen, aus der man kommt, dass man keine Hobbies pflegt?

Das Pferd auf dem Foto ist Mukafaat nach einem Sieg in Baden-Baden im Jahre 2004. In dem Jahr gewann er auch das belgische Derby in Oostende. Obwohl ‘Mükafat’ in Türkisch die Belohnung heißt, habe ich es mit ‘Mukafaat’ Arabisch klingenlassen. Der Hintergedanke war, dass er so gut wird, dass ein Scheich aus Dubai mir das Pferd für viel Geld abkauft. Mukafaat steigerte sich zwar von Rennen zu Rennen, zog sich aber im Training eine Sehnenverletzung zu. Jetzt ist er in guten Händen als Reitpferd unterwegs.

Foto unten: Gestüts- und Pferdephotographie Marc Rühl

Mukafaat Nr. 8 bei seinem Sieg in Iffezheim (Baden-Baden)
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